Ist das Thema Menschenwürde ein traditionell wissenschaftliches und literarisches Gerüst oder kommt es auch in unserem Alltag vor? Das und mehr erfahren Sie in unserem utb-Autoreninterview mit Rolf Gröschner, Antje Kapust und Oliver W. Lembcke.

1. Zwischen „Achtung“ und „Zwergenweitwurf“, welcher Begriff im Wörterbuch der Würde hat Sie als Herausgeber am meisten aufgebracht oder angerührt?

Wissenschaft gilt gemeinhin als Veranstaltung, bei der man weder „aufgebracht“ noch „angerührt“ zu sein habe. Das Thema „Würde“ hat seinen Sitz aber im wirklichen Leben, und das wiederum interessiert die drei Herausgeber nicht nur aus der Distanz empathieloser Theoriekonzepte. Dementsprechend haben wir Autorinnen und Autoren ausgewählt, die zwar ohne Zorn und Eifer schreiben, ihre wissenschaftliche Begriffs- und Systembildung jedoch auch an dem Anspruch messen lassen, den Opfern unwürdiger Behandlung gerecht zu werden. Eben dann löst Menschenwürde ihr Versprechen zwischen Vermächtniswert mit Ewigkeitscharakter und sinnvoller Handhabung in menschlichen Problemlagen ein.

 

2. Wie kam die Liste der im Wörterbuch der Würde zu definierenden Wörter zustande?

Antje Kapust hatte die Idee, in einem Handbuch zur Menschenwürde die einschlägigen philosophischen Begriffe durch ausgewiesene Kolleginnen und Kollegen bearbeiten zu lassen und erweiterte den Entwurf mit Oliver Lembcke, der die Idee mit Vorschlägen aus Politikwissenschaft und Politischer Philosophie bereicherte. Als Dritter im Bunde kam Rolf Gröschner mit der Rechtswissenschaft einschließlich der Rechtsphilosophie hinzu. In den vier von Anfang an vereinbarten Abschnitten „Ideengeschichte“, „Moderne Theorien“, „Leitbegriffe“ und „Problemfelder“ ergab sich die Verlängerung der Stichwörterliste dann durch den intensiven interdisziplinären Dialog der Herausgeber. Deren professionelle Prägung durch drei verschiedene Disziplinen sorgte für wissenschaftliche Spannung und geistige Energie.

 

3. Sind die Menschen in diesem Jahrhundert besonders kreativ im Verletzen der Menschenwürde? Oder war das schon immer so?

Auf brutalste Weise „kreativ“ waren in dieser Hinsicht die Konzentrationslager und der Holocaust des 20. Jahrhunderts. Ein aktueller Film über Hannah Arendt bietet Gelegenheit, jenes Phänomen zu bedenken, das sie als Beobachterin des Eichmann-Prozesses die „Banalität des Bösen“ genannt hat. Das Erschreckende daran ist die Einsicht, wie massenhafte Würdeverletzungen funktionierten, ohne dafür eine Armee von Teufeln rekrutieren zu müssen. Das banale Böse in diesem brutalen Sinne ist leider auch in der heutigen Welt gegenwärtig.

 

4. Was sind die häufigsten Gründe für eine Verletzung der Menschenwürde?

Wenn man „Gründe“ nicht auf „Ursachen“ – die vielfältig sind – reduziert, gibt es einen essentiellen Grund im philosophischen Sinne: die Nichtanerkennung und Nichtachtung des Anderen als Person mit der gleichen Würde, die man selbst beansprucht. Personalität in dieser buchstäblich würdevollen Bedeutung des Begriffs ist ein interpersonales Phänomen. Es findet niemals in einem isolierten Individuum statt, sondern immer zwischen Personen, die „einander“ (reziprok) anerkennen und achten – und nicht nur „sich“ (reflexiv).

 

5. Was hat es mit der Cover-Abbildung auf sich?

Antje Kapust kannte die Installation des international renommierten Konzeptkünstlers Mischa Kuball mit dem philosophischen Titel „platon‘s mirror“. Die generös zur Verfügung gestellte Ausstellungsansicht ist eine meisterhafte Vorlage für die Erinnerung an das Höhlengleichnis und für Reflexionen darüber, welchen Spiegel uns Platon mit dem weltberühmten Gleichnis in Fragen der Anerkennung des Anderen immer noch vorzuhalten vermag. Mit seiner installationstechnisch erzeugten Schemenhaftigkeit setzt das Cover sowohl die Schatten der platonischen Höhle als auch die Unschärfe des Würdebegriffs kunstvoll in Szene.

 

6. Worin besteht das Ziel des Buches?

Würdeprobleme halten uns jeden Tag in allen Kontexten in Atem. Wir möchten ein Kompendium auf dem Niveau einer ansprechenden und sinnvollen Diskussionskultur bieten. Die Bewältigung von Zukunftsproblemen (man denke nur an Generationengerechtigkeit, Klimawandel, Technikverantwortung, Welthunger, Interkulturalität usw.) macht nur im Geiste einer schonungslosen Ehrlichkeit und unvoreingenommenen Vorbehaltlosigkeit der Auseinandersetzung Sinn. Umso erfreulicher war nicht nur eine Rekonstruktion der zahlreichen anspruchsvollen Theoriepositionen, sondern auch die Erörterung handfester Fragen jenseits ausgetretener Sackgassen und leerlaufender Reduktionismen. Eine produktive Arbeit an Menschenwürde kann der Leser in Partizipation und Engagement fortsetzen.

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