Tiere sind empfindungsfähige Lebewesen und doch sprechen wir ihnen in vielen Bereichen ein Leben frei von Ausbeutung und Leid ab. Lesen Sie unser Experteninterview mit Dr. Philipp Bode, Autor des Buches “Einführung in die Tierethik“.

1. In Ihrem Buch “Einführung in die Tierethik” zeigen Sie die Bandbreite der verschiedenen tierethischen Positionen auf. Welche davon hat Sie besonders geprägt?

Meine eigene Position nimmt im Buch nur einen geringen Raum ein, da primär die Vielfalt an möglichen Argumenten sichtbar werden soll. Ich selbst bin tierethischer Abolitionist. Der Abolitionismus vertritt die Auffassung, dass alle empfindungsfähigen Lebewesen ein Recht auf Leben und Leidfreiheit besitzen und in der Konsequenz kein empfindungsfähiges Lebewesen Besitzsein darf. Der Abolitionismus fordert also die rechtliche Abschaffung von Tierbesitz (analog zu Menschenbesitz). Die Konsequenzen dieser Position sind natürlich umfassend, denn Tierbesitz betrifft nicht nur jene Tiere, die wir essen, sondern auch Versuchstiere oder Haustiere. Der Abolitionismus hat nichts gegen den Kontakt zwischen Mensch und Tier (genauso wenig wie zwischen Mensch und Mensch oder Tier und Tier), er wendet sich allein gegen die in einem Besitzverhältnis zum Ausdruck gebrachte moralische Asymmetrie.

2. Gibt es einen Unterschied zwischen der “Tierethik” und den “human animal studies”?

Die Human Animal Studies sind ein großes, interdisziplinäres Forschungsgeflecht, das sich in erster Linie um die Frage dreht, wie sich Beziehungen zwischen Menschen und Tieren gestalten und darstellen; sei es in Form von Repräsentation von Tieren in Kunst bzw. Medien, ihre Rolle in der Ideengeschichte von Zivilisationen, Mensch-Tier-Interaktionen, Tierpsychologie usw. Die Tierethik ist von diesem Geflecht natürlich nicht zu trennen, sie zeichnet allerdings das Vorhaben aus, Tiere und unsere Beziehungen zu ihnen normativ zu verstehen. Und nicht nur unsere Beziehungen, sondern die Tiere selbst, als individuelle Geschöpfe, d.h. als empfindungsfähige Wesen, die einen moralischen Anspruch auf Leben und Leidfreiheit haben. Aus dieser Grundkonstellation ergeben sich Fragen nach moralischen Rechten der Tiere und moralischen Pflichten für uns Menschen ihnen gegenüber.

3. Deutschland ist der größte Exporteur von Schweinefleisch. In manchen Mastbetrieben werden bis zu 65.000 Tiere gehalten. Die Zustände in einigen dieser Betriebe haben in letzter Zeit wieder vermehrt Aufsehen erregt. Dürfen wir das Wohl der Tiere unseren Zwecken unterordnen? Ist Biohaltung in diesem Kontext besser als kommerzielle Haltung oder ist der Unterschied aus tierethischer Perspektive nicht relevant?

Für etliche Tierethiken ist die Unterscheidung in konventionelle Tierhaltung und Biohaltung durchaus relevant. Das hat damit zu tun, dass nicht alle Tierethiken das Töten von Tieren und das Leid zufügen als gleich schlimm verstehen. Einige können dem Gedanken an eine möglichst leidfreie Behandlung in Verbindung mit einer schnellen und schmerzfreien Tötung durchaus etwas abgewinnen, mit der Begründung, Tiere könnten nicht weit genug antizipieren, um sich vor der Tötung zu fürchten. Mir scheint dies lediglich eine argumentative Hintertür zu sein, um auf sein geliebtes Fleisch nicht verzichten zu müssen. Am Ende des Tages bleibt Tierhaltung was sie ist: Die Unterordnung unter menschliche Zwecke, weil wir etwas lecker finden. Das kann man nicht rechtfertigen.

4. Tieren gezielt Schmerzen zufügen, möchte kaum jemand. Warum wird trotzdem das billigste Fleisch gekauft, obwohl wir um die Haltungsbedingungen wissen?

Unser Verhältnis zu Tieren ist zutiefst widersprüchlich, was auf einem psychologischen Effekt basieren dürfte: der Unsichtbarkeit der Verarbeitung und Herstellung tierlicher Produkte. Zu sehen bekommen wir allein das Endprodukt. Zudem präsentieren uns Werbung oder Produktetiketten Tiere als Wesen, die gerne hergeben, was wir von ihnen begehren, als wäre es eine Win-win-Situation. So wird effektiv der Gedanke daran verhindert, was diese Tiere erlitten haben, bevor wir sie konsumieren. Um diese psychologische Hürde zu nehmen, wären, neben der Beschäftigung mit Tierethik natürlich, auch Gesetze dringend geboten. Ohne Verbote wird es nicht gehen. Und anfangen müsste eine solche rechtliche Umjustierung bei einer vollständig veganen Ernährung in Kitas, Kindergärten und Schulmensen.

5. Sollten wir überhaupt tierische Produkte konsumieren?

Nein, das sollten wir nicht. Auch, wenn diese Haltung anhaltend auf Widerstand stößt: Zum Veganismus gibt es in meinen Augen keine widerspruchsfreie Alternative.

6. Viele von uns kennen wilde Tiere wie Löwen, Elefanten und Affen nur aus dem Zoo. In vielen zoologischen Gärten bemüht man sich eine “artgerecht” Unterbringung. Sind zoologische Gärten (tier)ethisch vertretbar?

Aus meiner Sicht ist ein Zoo nie ethisch vertretbar. Kein Mensch hat einen Anspruch darauf Affen oder Elefanten aus nächster Nähe sehen zu können. Zudem zeigt der Begriff „artgerecht“, dass das eigentliche Problem, die Gefangennahme der Tiere, durch Korrekturen der Umstände (also Verbesserung der Haltung) erneut unsichtbar gemacht werden soll, anstatt anzuerkennen, dass die Gefangennahme selbst nicht zu rechtfertigen ist –ganz wie der Etikettenschwindel bei Nahrungsmitteln. Zoos ruhen auf vier Säulen–Bildung, Artenschutz, Forschung und Erholung–, die Gefangennahme von Tieren kann keine davon aufwiegen.

7. Die tierethische Betrachtung der Ökologie stellt uns ebenfalls vor große Probleme. Seltenheit oder ökologische Nützlichkeit entscheiden über den Wert eines Lebewesens. Können wir diesem Dilemma entgehen?

Dass Seltenheit oder ökologische Nützlichkeit über den Wert eines Lebewesens entscheiden würde ich so nicht ohne weiteres unterschreiben. Wären beides ernst genommene Werte, würde das Artensterben weniger radikal und zudem medial präsenter ausfallen. Das Dilemma besteht weniger zwischen Ethik und Ökologie als vielmehr zwischen Ethik und Ökonomie. Und dieses Dilemma werden wir ohne einen grundsätzlichen Wandel im Verständnis und in der Anerkennung von Tierrechten nicht auflösen.

8. Welchen Bezug haben Sie zu Tieren, und warum forschen Sie zu diesem Thema?

Ich habe keinen persönlichen Bezug zu Tieren, was für eine solche Arbeit auch durchaus Vorteile hat. Meine Motivation rührt nicht daher, dass ich Tiere besonders niedlich finde oder einer Bauernhof-Romantik erliege. Ich anerkenne Tiere lediglich als fühlende Lebewesen, denen es besser und schlechter gehen kann. Über den moralischen Status von Tieren nachzudenken ist im Kern nicht viel anders, als über den moralischen Status von Embryonen nachzudenken: Man benötigt dazu keinen persönlichen Bezug, die moralischen Konflikte entstehen von ganz allein. Tierethik zu betreiben bedeutet daher für mich den moralischen Status empfindungsfähiger Lebewesen zu reflektieren und alle Verstöße gegen moralisches Recht offenzulegen, und mögen sie auch noch so ungewohnt sein. Man kann es auch noch kürzer fassen: Mein tierethisches Anliegen ist der Kampf für die Anerkennung der Tatsache, dass es zwischen empfindungsfähigen Lebewesen keine grundsätzliche moralische Hierarchie gibt.

Zum Buch von Dr. Philipp Bode “Einführung in die Tierethik” »

Die Fragen stellte Sabine Teutsch von der utb GmbH.

 
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