Zum Reformationsjubliäum ist Luther in aller Munde. Unsere Leser haben Fragen zum Thema “Luther heute” formuliert.

Was würde Luther heute wohl für Veränderungen anregen, wie würde Luther heute unseren Lebensstil und unsere Politik bewerten? Kann uns das, was Luther uns von seinem Gedankengut hinterlassen hat, Hinweise für aktuelle Fragestellungen geben? In einer losen Reihe beantwortet Experte Prof. Ulrich Heckel Fragen der utb-Leser…

Z.B. wurde gefragt, wie sich Luther heute innerhalb der katholischen Kirche positionieren würde: Wenn Martin Luther heute katholisch wäre, wäre er dann eher ein konservativer oder ein liberaler Katholik?

Luther wollte die Kirche seiner Zeit erneuern und von Missständen befreien. Mit seiner Kritik am Papsttum und mit seinem Verständnis des Priestertums aller Getauften würde er heute in vielen Punkten sicher eher die liberalen Reformkatholiken unterstützen.

Ansonsten muss man anerkennen, dass zentrale Anliegen Luthers von der katholischen Kirche vor allem im II. Vatikanum aufgenommen wurden. Die biblische Exegese hat heute auch in der katholischen Kirche einen viel größeren Stellenwert. Zu dem zentralen theologischen Streitpunkt der Rechtfertigungslehre gab es 1999 eine gemeinsame Erklärung des Lutherischen Weltbunds und der Katholischen Kirche, die Gemeinsamkeiten ebenso festhält wie die verbleibenden Unterschiede. Ohne Luthers Wiederentdeckung des Evangeliums hätte auch die katholische Kirche in ihrer Liturgiereform nach dem II. Vaticanum kaum so viele neue Altäre gebaut, damit der Priester das Messopfer nicht nur vor dem Hochaltar Gott darbringen, sondern nun auch der Gemeinde zugewandt das Evangelium von der Vergebung direkt zusprechen kann. Der katholische Gottesdienst wird nicht mehr auf Latein, sondern in der Landessprache gefeiert, d.h. bei uns auf Deutsch. Hätte Luther den Gesang nicht der Gemeinde zurückgegeben, wäre das neue „Gotteslob“ wohl kaum so dick geworden und gäbe es erst nicht so viele gemeinsame Lieder für ökumenische Gottesdienste. Ohne die Prägekraft von Luthers Katechismen hätte vermutlich auch Kardinal Joseph Ratzinger kaum seinen Katechismus der römischen Kirche geschrieben.

Außerdem bleibt zu bedenken, dass in der Ökumene das Bewusstsein für das Verbindende in den gemeinsamen theologischen Grundlagen stark gewachsen ist. In unserer Gesellschaft erfüllen evangelische und katholische Kirche heute viele Aufgaben in der Öffentlichkeit, in der Zusammenarbeit mit dem Staat, in der Bildung, in Diakonie und Caritas gemeinsam und in enger gegenseitiger Absprache.

 

Wenn Luther heute im Dt. Bundestag sitzen würde – Welche Position bezüglich der Flüchtlingsfrage in Europa würde er vertreten?

Hier wären für ihn die Grundeinsichten aus der Zwei-Reiche-Lehre leitend. Damit werden die Aufgaben der Kirche und des Staates einerseits klar unterschieden, andererseits aber zugleich einander zugeordnet.

Die Aufgabe der Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Breite kirchlicher Arbeit allein durch die Überzeugungskraft des Wortes. Im Blick auf die Flüchtlingsfrage gehört dazu das öffentliche Eintreten für die Menschenwürde, weil jeder Mensch zum Ebenbild Gottes erschaffen ist, aber auch das Engagement für die sozial Schwachen, unter denen Flüchtlinge schon nach dem Zeugnis der Bibel in besonderer Weise auf Barmherzigkeit angewiesen sind. Ein wichtiger Beitrag der Kirchen ist auch der interreligiöse Dialog.

Die Aufgabe des Staates besteht– wenn wir Luthers Vorstellungen auf unsere Verhältnisse in einer freiheitlichen Demokratie übertragen – in der Erhaltung der äußeren Ordnung und des sozialen Friedens, in der Sorge für die weltliche Gerechtigkeit und im Schutz der Schwachen, zu dem nach Art. 16a des Grundgesetzes auch das Asylrecht für politisch Verfolgte gehört. Zu konkreten politischen Fragen sind öffentliche Diskussionen zu führen, an denen sich Kirchenleitungen ebenso beteiligen wie einzelne Christinnen und Christen. Die notwendigen Entscheidungen sind im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung von den jeweils zuständigen Parlamenten oder Instanzen zu treffen und dann auch umzusetzen, notfalls unter Androhung und Ausübung staatlicher Gewalt. Die Kirche respektiert, dass der Staat seine Aufgaben erfüllen können muss, nämlich für den äußeren Frieden und den Schutz der Schwachen zu sorgen.

 

Was würde Luther wohl heute zu der Ehe für Homosexuelle sagen und ob diese auch kirchlich getraut werden sollten?

Eine Ehe für Homosexuelle war zu Luthers Zeit kein Thema. Deshalb wären hier alle Vermutungen äußerst spekulativ und hypothetisch. In jedem Fall würde er den Wert von Ehe und Familie hervorheben als göttliche Stiftung, als Bewährungsfeld christlicher Weltgestaltung und als Herausforderung für die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

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