Mikroökonomie ist spannend! Lesen Sie den Beitrag unseres Autors Markus Thomas Münter:

Wer spielt eigentlich bei Wer-wird-Millionär mit – und was ist der Wert des 50:50-Jokers? Mikroökonomie versucht, derartige Fragestellungen zu beantworten. In Mikroökonomie, Wettbewerb und strategisches Verhalten von Markus Thomas Münter, Professor für Volkswirtschaftslehre an der htw saar in Saarbrücken, werden die notwendigen Konzepte und Frameworks zu diesen Fragestellungen entwickelt und angewendet.

In zahlreichen Ländern läuft seit Jahrzehnten sehr erfolgreich die Gameshow “Wer wird Millionär” – ein Kandidat kann hier 15 Fragen beantworten, mehrere Joker einsetzen und in Deutschland bis zu 1 Mio. EUR gewinnen. Das Spiel basiert zwar in Teilen auf Wissen, aber üblicherweise entstehen Situationen, in denen der Kandidat nicht mehr weiter weiß und – unter Risiko – abwägen muss, ob er das Spiel beendet und den bisherigen Gewinnbetrag behält, oder ob er zufällig eine der verbleibenden Antworten wählt. Wenn der Kandidat richtig liegt, steigt seine Gewinnstufe an und er kann weiterspielen, wenn er falsch liegt, fällt sein Gewinn auf eine darunter liegende Stufe und er scheidet aus.

Die Entscheidungen von Kandidaten werden wesentlich durch Risikoaversion beeinflusst – Risikoaversion beschreibt eine Präferenz für sichere gegenüber unsicheren Vermögenssituationen gleicher Erwartungswerte:

  • bei Entscheidungen zwischen mehreren alternativen Strategien mit identischen Erwartungswerten wird immer die Strategie mit dem niedrigsten Risiko gewählt,
  • bei Entscheidungen zwischen mehreren alternativen Strategien mit identischen Risiken wird immer die Strategie mit dem höchsten Erwartungswert gewählt,
  • und bei Entscheidungen zwischen mehreren alternativen Strategien mit unterschiedlichen Erwartungswerten wird immer die Strategie mit dem höchsten erwarteten Nutzen gewählt.

Zahlreiche Studien haben das Spiel zum Anlass genommen, die Risikoaversion und das Entscheidungsverhalten der Kandidaten empirisch zu untersuchen: Männer und Frauen unterscheiden sich nicht signifikant in ihrer Risikoeinstellung, jüngere Kandidaten sind risikoaverser als ältere Kandidaten und die relative Risikoaversion bleibt während des Spiels mit zunehmender Gewinnhöhe konstant.

Um künftig Wer wird Millionär mit mikroökonomischem Blick zu verfolgen, kann man die Spielsituation strukturell als Entscheidung unter Risiko und Unsicherheit betrachten:

  • Risiko – beschreibt eine Entscheidungssituation, für die alle möglichen künftigen Ereignisse bekannt sind und jeweils objektive Wahrscheinlichkeiten vorliegen. Entscheidungen können dann anhand von Erwartungswerten abgeleitet werden.
  • Unsicherheit – beschreibt eine Entscheidungssituation, in der entweder nicht alle möglichen Ereignisse bekannt sind und/oder keine objektiven Wahrscheinlichkeiten vorliegen.

Entscheidungen unter Risiko und somit objektive Wahrscheinlichkeiten liegen bspw. bei Glücksspielen wie Roulette oder Würfeln vor – mit der Wahrscheinlichkeit von 1/6 wirft ein Spieler mit einem Würfel eine Eins – und dort, wo aufgrund empirischer Daten aus der Vergangenheit oder wiederholbarer Situationen die Schätzung von Wahrscheinlichkeiten oder einer Wahrscheinlichkeitsverteilung möglich ist. Entscheidungen bei Unsicherheit sind dann typisch, wenn Ereignisse nur einmalig auftreten oder aber lediglich subjektive Wahrscheinlichkeiten (bspw. auf Basis von Einschätzungen oder Vermutungen eines Managers) vorliegen.

Betrachtet man nun Wer-wird-Millionär aus diesem Blickwinkel, wird schnell klar: die Trennung von Risiko und Unsicherheit in realen Entscheidungssituationen ist nicht einfach, zudem wird die Entscheidung durch persönliche Erfahrungen, insbesondere aber durch die individuelle Risikoaversion einer Person geprägt.

Wenn eine Teilnehmerin bei 64.000 EUR steht und absolut keine Ahnung betreffend der vier Antwortmöglichkeiten hat, wird sie folgende Punkte abwägen:

  • Wieviel sind mir 64.000 EUR wert? In Abhängigkeit der Lebens- und Vermögensumstände können 64.000 EUR sehr viel oder auch sehr wenig Bedeutung haben.
  • Wie viele und welche Joker habe ich noch?
  • Wenn ich nach dem Ziehen des 50/50 Jokers noch zwei Alternativen habe – würde ich Zocken um auf 125.000 EUR zu kommen, oder dominiert meine Angst auf 16.000 EUR zurückzufallen?

Die Entscheidung einer Teilnehmerin an der Gameshow weiterzuspielen hängt dann von der Risikoaversion, dem aktuellen Vermögen und der Nutzenfunktion der Spielerin ab – allgemein zeigt sich, dass Risikoaversion und damit das Spielverhalten von Teilnehmern durch demographische Faktoren und kulturellen Einflüssen sowie (positiven und negativen) Erfahrungen in Spielsituationen vorgeprägt sind – der Erfolg bei Wer-wird-Millionär hängt aber am deutlichsten von umfassender Allgemeinbildung ab.

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