Diesen Blogbeitrag sollten Sie lesen! Unsere Autor Nils Freytag schreibt zum Thema Wahlbeteiligungen – heute und im Deutschen Kaiserreich von 1871:

Liegt die Wahlbeteiligung wie bei den jüngsten Landtagswahlen in Bayern und Hessen um die 70 Prozent, dann atmen viele beglückt auf, denn nicht selten findet nur rund die Hälfte aller Berechtigten den Weg an die Urnen oder zum Briefkasten – 2014 waren es etwa in Brandenburg gerade einmal noch 47,9 Prozent aller Frauen und Männer.1 Besser sieht es zwar bei Bundestagswahlen aus, an denen 2017 wieder etwas mehr als Dreiviertel (76,2%) wählten, aber von den Zahlen der Jahre um 1900 trennen uns mittlerweile Welten. Bei den beiden letzten Reichstagswahlen des Deutschen Kaiserreichs (1907 und 1912) lag die Beteiligung jeweils bei fast 85 Prozent – der Männer. Denn Frauen durften im Kaiserreich noch nicht wählen. Dass dies nach Weltkrieg und Revolution 1918 endlich möglich wurde und heute eine Selbstverständlichkeit ist, erklärt sich vor allem mit dem Aufbruch in der Wilhelminischen Epoche, der in dem neuen Buch von Nils Freytag viel Raum einnimmt.

Den Reichstag wählten alle Männer über 25 Jahre in direkten, allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen. Nicht wahlberechtigt waren neben Frauen Strafgefangene, Entmündigte, Armenhilfeempfänger und Militärs. Die Beteiligung stieg nicht ganz gleichmäßig, aber auf lange Sicht kontinuierlich an – 1871 lag sie bei gerade einmal 51 Prozent, darunter fiel sie niemals. Diese Erfolgsgeschichte ist nicht nur vor dem Hintergrund aktueller Beteiligungen in demokratischen Systemen überaus bemerkenswert. Denn hinzu tritt, dass die Reichsregierungen nicht von sie dauerhaft tragenden Reichstagsmehrheiten abhängig waren; auch fanden die Wahlen an wechselnden Wochentagen und nicht an arbeitsfreien Sonntagen statt. Missstände prägten zudem lange und vielerorts das Bild. Nicht immer waren die Wahlen frei und geheim, auch benachteiligte die Wahlkreiseinteilung – je länger je mehr – einzelne Parteien, insbesondere die Sozialdemokratie. Es gab vielerlei Wahlbeeinflussungen: Regierungen und Bürokratie, Geistliche und Unternehmer versuchten, auf die Wähler einzuwirken. Das war lange eher die Regel als die Ausnahme. Erst eine Wahlrechtsreform räumte 1903 mit den offensichtlichsten Schwächen auf: Von da an waren immerhin die Wahlzettel gleich groß, es gab amtliche Wahlkuverts und endlich auch Wahlkabinen, welche die konservativen Reformgegner als Klosetts verspotteten, in denen „die Staatsbürger von nun an ihr Geschäft zu verrichten hätten“.2

In vielen deutschen Einzelstaaten – heute würden wir sagen in den Bundesländern – sah das Wahlrecht dagegen bis zum Ende des Kaiserreichs anders aus. Preußen blieb bei einem Zensuswahlrecht, einem ungleichen Wahlrecht, das an Vermögen, Besitz oder Steueraufkommen geknüpft war und den Stimmen ärmerer Wähler ein geringeres Gewicht beimaß. Das war das berüchtigte preußische Dreiklassenwahlrecht, das nicht nur scharfer und andauernder sozialdemokratischer Kritik ausgesetzt war; 1910 demonstrierten im Berliner Tiergarten rund 150.000 Menschen dagegen. Auch Sachsen (1896) und Hamburg (1906) setzten auf ein solches Wahlrecht. Andere Staaten näherten sich dagegen nach langen Diskussionen dem Reichstagswahlrecht an, Bayern und Württemberg sind dafür Beispiele.

Die Gesellschaft um 1900 war von politischer Gleichberechtigung noch weit entfernt. Dennoch trugen das fortschrittliche Reichstagswahlrecht, die hitzigen Debatten um die ungleichen einzelstaatlichen Wahlrechte sowie die öffentliche Kritik maßgeblich zu einem Aufbruch, zu einer Politisierung von Frauen wie Männern und zu hohen Wahlbeteiligungen bei, die deutlich über denen von heute lagen.

1 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/255400/umfrage/wahlbeteiligung-bei-landtagswahlen-in-deutschland-nach-bundeslaendern [zuletzt aufgerufen am 28. Oktober 2018]

2 Zitiert nach Andreas Biefang: Die Reichstagswahlen als demokratisches Zeremoniell, in: Ders., Michael Epkenhans und Klaus Tenfelde (Hg.): Das politische Zeremoniell im Deutschen Kaiserreich 1871-1918, Düsseldorf 2008, S. 233-270, hier S. 251.

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