Eine Reise mit der Bahn. Genauer: Mit Regionalzügen der Deutschen Bahn. Von Jena nach Vienenburg. Letzteres ist übrigens der älteste Bahnhof in Deutschland, der noch erhalten und in Betrieb ist. Jetzt fragen Sie nicht, wo Vienenburg liegt – ich, weiß, die Kleinstadt am Harzrand ist nicht der Nabel der Welt. Aber beginnen wir mit einer Reise durch den Osten. Von Jena geht es nach Halle – ICE. Voll wie gerne auf dieser Strecke: aber alles gut und pünktlich. In Halle dann Umsteigen – Regionalbahn, Harz-Elbe-Express (HEX) … Ein netter, lässig uniformierter Zugchef des HEX kommt auf mich zu und lädt mich in die Erste Klasse ein. Cool, finde ich – er bietet es auch allen anderen Fahrgästen an, die sich grade im Zug einrichten. Dann: Polizeiaufgebot im Vollschutz. Helm, Weste, Funktionskleidung. Martialisch. Wenig später kommen rund 150 ‘Fans’ vom Fußballspiel Halle gegen Osnabrück – eine 1:0 Niederlage für das Gastteam im Gepäck. Erste Konfrontation am Bahnsteig, eine durchaus handgreifliche Auseinandersetzung mit einem Polizisten. Der Zug verlässt überraschenderweise vergleichsweise pünktlich den Bahnhof; angefüllt mit – ja, was sind sie: Hooligans, Ultras, Fans?

bahn_16_11_07Bild: Screenshot mit Detailausschnitt der Verbindungssuche auf www.bahn.de

 

Sie haben sich natürlich längst gefragt, was diese Geschichte in diesem Blog zu suchen hat, es gibt mehrere Gründe.

  1. Sie illustriert sehr gut, wie man mit wissenschaftlichem Blick durch die Welt geht und aus jeder Begegnung ein sozialwissenschaftliches Projekt erwächst.
  2. Sie zeigt, wie wichtig es ist, das, was man für Allgemeingut hält, auch konkret zu benennen, zu beschreiben und als  intersubjektiv nachvollziehbares Kommunikationsangebot verfügbar zu machen.
  3. An ihr wird deutlich, dass Wissenschaft besonders interessant wird, wenn sie im Alltag ankommt

Also zurück zum Ausgangspunkt. Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt, glücklicherweise tröpfeln ein paar der – was auch immer sie sind – in die erste Klasse, denn der Wagen reicht bei weitem nicht aus und vielleicht wäre es nicht die schlechteste Idee gewesen, einen zweiten Waggon anzuhängen. Egal. Mein Glück. Auf diese Weise durfte ich etwas dazulernen. Neben mir zwei Junge Frauen mit unterschiedlichen Reisezielen. Dazu dann drei leicht alkoholisierte Fußballbegeisterte, einer mir gegenüber, einer über den Gang und einer stehend. Die Menschen im Zug wenden sich eher ab, für mich wird es interessant. Also frage ich: Was seid ihr? Hooligans? Ich bekomme Nachhilfe: Das sind also “aktive Fans” im Selbstverständnis, gefühlte hundert Fragen später, kann ich sehr gut differenzieren, dass Hooligans im Selbstbild der “aktiven Fans” nur jene sind, für die Fußball Neben-, Randale, Prügeln, Auseinandersetzung aber die Hauptsache darstellt. Der Begriff “Ultras” kommt dem der “aktiven Fans” schon näher, hat aber aufgrund der zumeist negative Konnotationen einen “Geschmack” und wird deshalb eher ungern verwendet. Dass der Begriff des aktiven Fans ein Euphemismus ist, wird mir klar, als der junge Mann, der von den anderen als Felix bezeichnet wird, klar positioniert und ohne mich anzusehen erläutert, dass natürlich die Polizei, besser: die Polizisten, die erklärten Gegner sind, die man prügelt, wenn man sie erwischt. Im Zug sitzen mir drei sehr unterschiedliche Individuen gegenüber. Den etwas korpulenten knapp 30jährigen Mann, der stehend im Gang des Waggons das Gespräch verfolgt, bringe ich beinahe dazu eine Geschichte von einer Auseinandersetzung in Darmstadt zum besten zu geben. Er beißt sich dann doch besinnend auf die Zunge, ich habe die Vermutung, dass eben doch strafrechtlich relevante Körperverletzungen der Fans des anderen Clubs dabei eine Rolle spielen könnten: Aktive Fans.

Man kann an dieser kleinen Sozialstudie unschwer erkennen, wie wichtig es ist, Begriffe zu diskutieren, ihnen Nahezukommen, sich darauf zu verständigen, was man unter welchem Begriff einordnet. Denn je nach Blickwinkel und fachlichem Hintergrund verschiebt sich die Interpretation und das Verständnis.

Wenn man nun im wissenschaftlichen Prozess Begriffe verwendet, sollte man die unterschiedlichen Blickwinkel anderer Forscher integrieren – und diskutieren. Am Ende steht dann eine neue, eine eigene oder eine von einem anderen Autoren übernommene Definition. Hinzu kommt, dass man natürlich unterschiedliche Dogmen oder Denktraditionen zu berücksichtigen hat. Wenn man ausschließlich aus Sicht der selbsternannten “aktiven Fans” definieren würde, käme möglicherweise keine wirklich allgemein tragfähige Definition heraus. Wenn man sich ausschließlich an den Boulevardmedien orientiert, wäre dies vermutlich nicht viel anders gelagert.

Die Bahnreise zeigt also hier, wie wichtig es ist, sich im wissenschaftlichen Kontext über die genauen Begrifflichkeiten zu verständigen.

Irgendwann im Gespräch – es muss kurz hinter Könnern sein – schaut mich der blondgelockte junge Mann an, jener, der besonders bereitwillig erzählt, mir direkt gegenübersitzt und schon reichlich aus der Kunststoffflasche mit der etwas undefinierbaren colabasierten braunen Brühe konsumiert hat. Er schaut mich also an, direkt und fragt, ob ich sowas wie ein Hochschuldozent wäre oder irgendwas mit Wissenschaft zu tun hätte. Ich bin überrascht. Er erzählt von seinem abgebrochenen Studium und davon, dass die Dozenten dort in ähnlicher Weise Fragen gestellt hätten. Ich fühle mich ertappt. Mein Forschungsansatz war also ehrgeizig – aber ich befürchte, die Interviewereffekte waren im Setting ziemlich ausgeprägt. Vermutlich hätte die junge Frau neben mir, die zur Arbeit bei H & M nach Helmstedt fuhr, mit einem Fußballspieler liiert ist und etwas in Richtung Kommunikationswissenschaft studieren möchte, aus den Ultras oder “aktiven Fans” deutlich schneller deutlich mehr herausbekommen können – auch an Aussagen, die am Ende für die Erforschung des Sozialphänomens Ultras von hoher Relevanz gewesen wären. Für mich zeigt sich an diesem Beispiel, wie die Feinjustierung Ihrer Forschungsmethode am Sachverhalt abgeglichen werden kann und wie die Gestaltung der Methode über das Ergebnis entscheidet. Vermutlich hätten sich die drei Männer der jungen Frau sehr viel offener zugewandt und möglicherweise wäre aufgrund des Geschlechtsunterschieds tatsächlich ein anderes Kommunikationsverhalten zu erwarten gewesen.

Auf jeden Fall hat das Gespräch im Zug bis Helmstedt mein Bewusstsein geschärft

  • für die Selbst- und Fremd-Bezeichnung radikaler Fußballfans, die in Gruppen auftreten
  • für die Realitätskonstruktion, der diese Fans unterliegen,
  • für ein Wochenendlebenskonzept, das ich schon beeindruckend fand (halb fünf Uhr morgens los, halb zwölf nachts zurück – für ein eineinhalbstündiges Fußballspiel, den Tag mit Gleichgesinnten in überfüllten Regionalzügen verbringen),
  • für Interviewereffekte in der qualitativen Forschung und die Konzeption von Befragungen oder Gesprächen mit definierbaren sozialen Gruppen.

Die Erkenntnis zum Schluss: Forschung – und gerade solche in den Sozialwissenschaften – wird dann besonders interessant, wenn sie ganz im Alltag, ganz in der Lebenswelt der Gesellschaft ankommt. Vielleicht wird später darauf noch zurückzukommen sein!

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