Weshalb die Zusammenschau von Fachwissenschaft, -didaktik und -methodik so wichtig ist, was bisher in der Unterrichtsplanung schief läuft, welche Tipps sie allen für einen guten Deutschunterricht mit auf den Weg geben möchten und warum ohne Freude und Begeisterung niemand eine gute Lehrkraft wird lesen Sie bitte in unserem utb Autoreninterview mit Christiane Hochstadt (CH), Andreas Krafft (AK) und Prof. Dr. Ralph Olsen (RO)

1. Professor (em.) Spinner lobt Ihr Werk als „alles Wichtige theoretisch und zugleich praxisnah erläuternd“ – welche Aspekte sind denn Ihres Erachtens besonders wichtig für (angehende) LehrerInnen?

Christiane Hochstadt

Christiane Hochstadt /privat/

CH: Das Wichtigste aus meiner Sicht ist zunächst einmal, Unterricht und Unterrichtsplanung kritisch zu vollziehen. Das können (angehende) Lehrer nur, wenn sie einen fundierten Überblick über fachdidaktische Konzeptionen haben und sich von der Beschränkung auf allgemeindidaktische und -methodische Aspekte lösen. Außerdem geht es darum, bereits früh zu verstehen, dass Theorie und Praxis nicht in einem 1:1-Verhältnis stehen. Das versuchen wir ja besonders in der Einleitung deutlich zu machen.

 

Andreas Krafft /privat/

Andreas Krafft /privat/

AK: Richtig. Häufig haben wir erlebt, dass Studierende, denen ein Thema für eine Praktikumsstunde gestellt wird, sich sofort in Lese- und Sprachbüchern, Zeitschriften oder im Internet auf die Suche nach guten Ideen für die konkrete Umsetzung machen. Erst anschließend werden – wenn überhaupt – didaktische Fragen beantwortet, zum Beispiel wenn ein ausführlicher Unterrichtsentwurf zu verfassen ist. Das führt häufig dazu, dass die didaktischen und die methodischen Überlegungen nicht zusammenpassen und die Stunden letztlich nicht stimmig sind. Methodische Fragen sind natürlich nicht unwichtig, aber sie sind erst im Anschluss an die Entscheidung für eine didaktische Konzeption (oder natürlich für mehrere) wirklich möglich.

RO: Wichtig für Deutschlehrerinnen und -lehrer sind natürlich – darauf weist Kaspar Spinner ja auch hin – alle von uns aufgenommenen didaktischen Konzeptionen und Ansätze. Welche davon nun ‚besonders wichtig‘ sind, lässt sich ohne einen konkreten Bezug zu einer Lerngruppe eigentlich nicht beantworten. Aber ich möchte hier aus literaturdidaktischer Sicht die Gelegenheit nutzen, für eine stärkere Berücksichtigung des Literarischen Unterrichtsgesprächs auf der Grundlage des sogenannten Heidelberger Modells zu plädieren. Diese Konzeption ist zwar vor allem für Anfänger nicht einfach zu erfassen, aber eine schrittweise Annäherung lohnt sich meiner Erfahrung nach für jede Schulklasse!

2. Inwiefern lassen sich fachwissenschaftliche, fachdidaktische und methodische Aspekte getrennt betrachten bzw. worin liegt der Mehrwert Ihrer übergreifenden und die Zusammenhänge aufzeigenden Darstellung?

Prof. Dr. Ralph Olsen

Prof. Dr. Ralph Olsen /privat/

RO: Deutschunterricht oder vielmehr Unterricht allgemein lässt sich immer nur in der Gesamtschau von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und -methodik planen und schließlich umsetzen. Das macht es ja gerade vor allem für Studierende und Referendarinnen und Referendare so schwierig, sich überhaupt eine Übersicht zu verschaffen. Mit dieser Problematik wurden wir Jahr für Jahr konfrontiert und versuchten immer, den Studierenden mit einer Vielzahl an Literaturhinweisen zu helfen. Diese unübersehbare Fülle überfordert aber gerade bei den ersten Unterrichtsversuchen, bei denen es ja auch darauf ankommt, sich überhaupt in die Lehrerrolle einzufinden. Vor diesem Hintergrund entwickelten wir unser Buch, um eine rasche, dichte Gesamtübersicht präsentieren zu können. Es kann aber nur ein allererster Zugriff sein – und es erspart einem nicht die intensive Lektüre der angegebenen Sekundärliteratur.

AK: Vernachlässigt wird ja häufig, dass die fachdidaktischen Konzeptionen auf ganz bestimmten fachwissenschaftlichen Theorien basieren. In meiner Praktikumsbetreuung konnte ich erleben, dass viele Studierende die Kenntnis von Konzeptionen als Bindeglied zwischen einem fachwissenschaftlichen Fundament und einer bestimmten Methode als sehr erhellend und hilfreich wahrnehmen.

CH: Eine Trennung von fachlichen, didaktischen und methodischen Aspekten birgt die Gefahr, fachdidaktische Konzeptionen zu vernachlässigen. Das wird in Unterrichtsentwürfen, wie Andreas Krafft ja eben auch hervorhob, häufig sehr deutlich. Wir versuchen mit unserem Buch, die Trennung zu relativieren und durch die Fokussierung auf Konzeptionen die Grundlagen für eine Verknüpfung der oben genannten Aspekte zu schaffen.

3. Worin bestehen Ihrer Meinung nach die häufigsten Mängel und Probleme im alltäglichen Deutschunterricht?

CH: Das kommt auf die Perspektive an, die Frage ist sehr komplex – wie Unterricht stets auch. Ich beantworte die Frage nun einmal aus Sicht von Hochschullehrenden, die Studierende im Praktikum und in der Unterrichtsvorbereitung, -durchführung und -nachbereitung erleben. Dann würde ich sagen: An lehrerseitig fehlendem Interesse am Unterrichtsgegenstand, an einem falschen Verständnis von Unterricht, daran, dass einfach ‚ausgeführt‘ und nicht nachgedacht wird – und an mangelnden fachdidaktischen Kenntnissen. Zudem gibt es einen studentenseitigen Hang zur unreflektierten Methodik. Studierende wiederholen häufig den Unterricht so, wie sie ihn selbst erlebt haben. Das ist gerade für den Grammatikunterricht ein großes Problem. In Literaturstunden erlebe ich häufig die Angst vor dem Anspruchsvollen. Lyrikstunden beschränken sich dann oft auf Elfchen und Gedichte, die keinen wirklichen Gesprächs- und Denkanlass bieten.

AK: Diese Angst vor dem Anspruchsvollen führt in der Praxis auch oft zu einem gewissen Aktionismus: Es wird geschnitten und geklebt, gezeichnet und inszeniert, aber die Begegnung mit dem Text selbst fehlt. Auch die anderen Arbeitsbereiche haben je ihre eigenen Probleme. So wird die Bedeutung des gesamten Bereichs „Sprechen und Zuhören“ von vielen Lehrkräften nach wie vor unterschätzt, gleiches gilt für die Wortschatzarbeit. Und auf das Elend des traditionellen Grammatikunterrichts hat Christiane Hochstadt ja schon hingewiesen.

RO: Mal etwas abstrakter: Ich bin davon überzeugt, dass die Planung von Unterricht an Hochschulen auch heute noch einen äußerst problematischen Stellenwert hat. Sie wird zunächst in die Hände der Schulpädagogik gelegt, die natürlich keine fundierte fachdidaktische und fachwissenschaftliche Perspektive einnehmen kann. Dadurch verfestigt sich bei den Studienanfängern ein total verkürztes Verständnis von Unterrichtsplanung, das verheerende Folgen hat. Aber auch im Deutschstudium dann selbst gibt es an den meisten Hochschulen Lehrende, die entweder selbst noch nie das Fach Deutsch an Schulen unterrichtet haben und/oder die Fachdidaktik geringschätzen. Somit entsteht ein Teufelskreis: Wo sollen denn dann gut ausgebildete Deutschlehrerinnen und -lehrer herkommen?

4. Was macht guten Deutschunterricht aus? Können Sie einen konkreten Tipp geben?

RO: Oh je – nein: Einen Tipp kann ich auf keinen Fall geben. Doch [lachend]: unser Buch lesen! Nein, Scherz beiseite. Die Grundlage für guten Unterricht leistet neben einer grundsätzlichen Freude an deutscher Sprache und an literarischen Texten beziehungsweise anderen Medien eine bestmögliche fachwissenschaftliche und fachdidaktische Ausbildung.

AK: Ich muss als Deutschlehrer eine gewisse Begeisterung mitbringen für die Aufgabe, Kinder in ihrer Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten zu begleiten. Die Schüler sollen lernen zu lesen, zu schreiben, zu sprechen, zuzuhören, sie sollen Raum für ästhetische Erfahrungen mit Sprache und Literatur haben und sollen über Sprache nachdenken. Diese Aspekte sind für die persönliche Entwicklung und die Lebenschancen meiner Schülerinnen und Schüler unglaublich wichtig, und deshalb muss für mich auch ein hohes Maß an Professionalität selbstverständlich sein. Und das ist eben nur mit einer fundierten fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Ausbildung möglich.

RO: Aber mindestens ebenso wichtig ist natürlich – und darauf weist ja auch die bekannte Hattie-Studie hin – die Lehrperson selbst. Ohne eine – ich nenne es einmal ‚natürliche‘ – Eignung als Lehrer wird man keinen guten Deutschunterricht planen und durchführen können. Diese Eignung lässt sich aber nicht an Hochschulen lehren… Es geht um Persönlichkeit, um den Grad an – auch wenn es sehr pathetisch klingen mag – bedingungsloser Menschenliebe und so weiter.

CH: Ich kann dem nur hinzufügen: Ein Deutschlehrer muss sich mit fachdidaktischen Fragen gerne auseinandersetzen, seinen Unterricht stets kritisch hinterfragen und eine Vorstellung davon haben, was dem einzelnen Lernenden zu geben notwendig ist.

5. Zum Beispiel beim Rechtschreibunterricht unterscheiden Sie zwischen grundwortschatzorientiertem, regelorientiertem und strategieorientiertem Rechtschreibunterricht; geht es bei der Methodenauswahl vor allem um eine Ausgeglichenheit der Orientierung oder welche Kriterien würden Sie zur Anwendung empfehlen?

CH: Ich würde in dieser Frage den Methodenbegriff durch den der Konzeption ersetzen. Um eine Methodenauswahl kann es primär in der Unterrichtsplanung nicht gehen. Allerdings muss man an dieser Stelle sagen, dass der Methodenbegriff ein sehr weit gefasster ist. Mit ihm könnten wir allein einen weiteren UTB-Band füllen. Die Methodenfrage sollte nie unabhängig von fachdidaktischen – und jetzt sind wir wieder bei den Konzeptionen – Überlegungen beantwortet werden. Eine Ausgeglichenheit der Orientierung, wie Sie sie angesprochen haben, ist sicher häufig ein zentrales Merkmal guten Unterrichts. Sie ist aber zunächst einmal keine methodische Frage. Die Schwerpunktsetzung hängt sowohl vom Lernbereich als auch von den jeweiligen Zielsetzungen ab.

AK: Gerade in diesem Fall wird ja auch deutlich, wie eng der Zusammenhang zwischen fachlichen, konzeptionellen und methodischen Überlegungen ist. Beispielsweise habe ich schon häufig Unterrichtsentwürfe gelesen, in denen ein bestimmtes orthographisches Phänomen in der Sachanalyse als nachvollziehbar und systematisch geregelt dargestellt wurde. Die konkreten Maßnahmen bestanden dann aber ungeachtet dessen in strukturlosem Einüben einzelner ausgewählter Wörter, ohne dass auf die zuvor ausgeführten Regelmäßigkeiten eingegangen worden wäre. Es geht uns also nicht primär um einen ausgewogenen Einsatz der verschiedenen Konzeptionen, sondern um eine gezielte Auswahl unter Berücksichtigung des Lerngegenstands und der Fähigkeiten der Lerngruppe.

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Dozentenbewertung
Bewertung: ✰✰✰✰✰
Kundenmeinung von K. Hofmann am 21.10.2014
Das Buch gibt einen guten und gleichzeitig umfassenden Überblick über die grundlegenden Teilbereiche der Deutschdidaktik.
Deshalb ist dieser Band besonders für Studierenden in den ersten Semester geeignet.

Die Tipps für den Unterricht am Ende eines jeden Kapitels sind sehr gelungen.

 

Dozentenbewertung
Bewertung: ✰✰✰✰✰
Kundenmeinung von A. Sieber am 23.04.2015
Umfassende und zugleich kompakte Vorstellung der aktuell für den Deutschunterricht relevanten Kompetenzbereiche.
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