Wie kann man umweltfreundlich und verantwortungsbewusst reisen und gibt es nachhaltigen Massentourismus? Diese und weitere Fragen beantworten uns Prof. Dr. Harmut Rein und Prof. Dr. Wolfgang Strasdas im utb-Autoreninterview

  1. Ich möchte gerne umweltfreundlich und verantwortungsbewusst reisen. Was muss im Vorfeld und auf der Reise selbst besonders beachten?

HR: Eine verantwortungsbewusste Reise beginnt mit der Reiseplanung. Die erste Frage ist, wie viel Zeit steht mir für meine Reise zur Verfügung? – Ein Wochenende, eine Woche, mehrere Wochen oder gar ein Monat und mehr? Mit welchem Motiv will ich reisen? Wohin bzw. wie weit will ich reisen? Will ich individuell meine Reise planen oder ein Reiseangebot eines Veranstalters nutzen?

Entscheidend für die Nachhaltigkeit einer Reise ist die An- und Abreise, da damit die größten Umweltauswirkungen verbunden sind. Flugreisen sollte man nur in Betracht ziehen, wenn die Reisedistanz mehr als 800 km beträgt, da mit einer Flugreise ein unverhältnismäßiger Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasemissionen verbunden ist. Je weiter weg man fliegt, desto länger sollte die Aufenthaltsdauer sein. Bahn und Bus sind vergleichsweise umweltschonende Transportmittel, mit denen man einen Großteil der Reiseziele in Europa erreichen kann. Reist man mit einem Reiseveranstalter sollte man einen Nachhaltigkeitszertifizierten Reiseveranstalter wählen, wie z.B. die Reiseveranstalter, die im „forum anders reisen“ zusammen geschlossen und mit dem Nachhaltigkeitssiegel „TourCert“ zertifiziert sind.

Vor-Ort bieten heute viele Ferienorte z.B. Mobilitäts-Cards an (z.B. die KONUS-Card im Schwarzwald), so dass eine Nutzung eines PKW für Ausflüge nicht erforderlich ist. Diese Cards sind oft schon im Beherbergungspreis oder der Kurtaxe inkludiert und ermöglichen eine unkomplizierte Mobilität. Zu Fuß, per Fahrrad oder mit Bus und Bahn sind die umweltschonendsten Möglichkeiten der Fortbewegung vor Ort. E-Mobilitätsangebote sind inzwischen spannende neue Alternativen in innovativen Urlaubsorten. Für die Übernachtung sollte man zertifizierte Unterkunftsbetriebe (z.B. Green Key, Österreichisches Umweltzeichen, Biohotels, etc.) wählen, die Qualität und Nachhaltigkeitsengagement miteinander kombinieren. Ein sparsamer Umgang mit Wasser ist insbesondere in den niederschlagsarmen Mittelmeerländern wichtig. Nutzen sie lokale bzw. regionale Produkte und Anbieter, damit die wirtschaftlichen Effekte der Bevölkerung vor Ort zu gute kommen. Bei ihren Freizeitaktivitäten am Urlaubsort helfen ihnen die Hinweise des Naturschutzes (Informationsangebote, Besucherzentren, etc.) sich über Natur und Landschaft zu informieren und diese durch angepasstes Verhalten zu bewahren. Respekt vor der Kultur des Reiselandes, vor den Sitten und Gebräuchen der Einheimischen sorgen dafür, dass Touristen auch langfristig als Gäste willkommen sind. Dies sind die wichtigsten Tipps, die helfen eine Reise umweltfreundlich und verantwortungsbewusst zu gestalten.

 

  1. Wie verhält sich der Massentourismus zum nachhaltigen Tourismus? Kann man Massentourismus nachhaltig gestalten?

WS: Massentourismus wurde lange als Gegenpol zum nachhaltigen Tourismus angesehen. Das ist ja auch kein Wunder, denn die ökologischen und sozialen Auswirkungen sind ja in vielen Fällen offensichtlich und massiv. Nachhaltigkeit im Tourismus sollte demgegenüber ganz wesentlich durch kleinmaßstäbigere, integrierte Tourismusformen, bewusstere, informierte Touristen und „sanfte“ Aktivitäten wie Wandern erreicht werden. Das ist auch weiterhin ein wichtiger Ansatz, denn Neuerungen entstehen eher in Nischen und die Reisenden sind in diesen Segmenten meist auch ansprechbarer für Nachhaltigkeitsaspekte.

Es bringt aber nichts, Nachhaltigkeit nur in kleinen, geschützten „Reservaten“ zu praktizieren, denn Reisen gehört in wohlhabenden Ländern wie Deutschland zu einem normalen Konsumgut, auf das die Menschen ungern verzichten – und das ist auch gut so, denn ich sehe es durchaus als soziale Errungenschaft an, dass heutzutage fast alle Menschen reisen, sich erholen und etwas Neues lernen können, nicht nur eine kleine Oberschicht. Gerechtigkeit ist ja auch ein zentraler Aspekt von Nachhaltigkeit. Wenn man dieser Argumentation folgt, dann muss man aber auch Tourismus als Massenphänomen akzeptieren. Hinzu kommt, dass Tourismus für viele Länder ein bedeutender Wirtschaftszweig geworden ist, der Arbeitsplätze schafft und volkswirtschaftlich nicht selten alternativlos ist, wenn man etwa an die Alpen oder die karibischen Inseln denkt.

Die große Herausforderung besteht eben darin, dieses Massenphänomen so zu lenken, dass die positiven Effekte, wie z.B. eine Unterstützung des Naturschutzes, maximiert und die negativen minimiert werden. Das Management von vielen Menschen, die sich auf bestimmte, möglichst belastbare, Orte konzentrieren, ist oft leichter als eine große Zahl von Individualisten zu kontrollieren, die durch ihre Aktivitäten große Flächen beeinträchtigen und der einheimischen Bevölkerung auf die Nerven gehen können. Dennoch bleiben schwer lösbare Probleme, vor allem die Belastung des Weltklimas durch den Flugverkehr.

 

  1. Welchen Beitrag kann nachhaltiger Tourismus in Entwicklungsländern leisten?

WS: Tourismus hat sich zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Welt entwickelt, und Entwicklungs- und Schwellenländer haben daran einen Anteil von etwa 40%. Viele Entwicklungsländer verfügen über einzigartige natürliche und kulturelle Ressourcen und damit über Wettbewerbsvorteile. Tourismus gehört für viele dieser Länder zu einem der bedeutendsten Devisenbringer und er trägt außerdem dazu bei, Volkswirtschaften zu diversifizieren, die sonst typischerweise auf Landwirtschaft oder den Abbau von Bodenschätzen angewiesen sind. Inwiefern Tourismus tatsächlich zur Minderung von Armut beiträgt, wird kontrovers diskutiert. Unstrittig ist, dass er in Entwicklungsländern viele Arbeitsplätze schafft, doch könnte die Verflechtung mit der lokalen Wirtschaft sicherlich noch intensiviert werden.

Widersprüchlich ist auch das Verhältnis zwischen Tourismus und Umwelt in Entwicklungsländern. Auf der einen Seite führt mangelhafte staatliche Reglementierung und Überwachung zu schwerwiegenden Umweltbelastungen, vor allem an den Küsten. Andererseits gibt es viele Beispiele dafür, dass gut gemanagter Naturtourismus zur Finanzierung von Naturschutzgebieten in Entwicklungsländern beiträgt und überhaupt Anreize schafft, Natur und Umwelt zu erhalten. Die reiche Tierwelt des östlichen und südlichen Afrikas wäre ohne ihre „Inwertsetzung“ durch Tourismus wohl kaum noch vorhanden. Und auch Länder wie Costa Rica zeigen, dass nachhaltiger Tourismus an die Stelle zerstörerischer Landnutzungen treten kann, so dass der Tropenwald sich dort wieder erholt.

 

  1. Was hat Sie dazu bewogen dieses Buch zu schreiben?

HR: Nachhaltigkeit ist ja schon lange ein Thema im Tourismus und mein Kollege Wolfgang Strasdas gibt in dem Buch ja auch einen Rückblick auf die mehr als 30 jährige Vor- und Entwicklungsgeschichte. Es ist inzwischen viel zu dem Thema publiziert worden, aber umso verwunderlicher war es, dass es bisher kein Lehrbuch zu dem Thema im deutschsprachigen Raum gab. In den klassischen Tourismus-Lehrbüchern, die in den unterschiedlichen Tourismusstudiengängen genutzt werden, taucht das Thema Nachhaltigkeit zwar in den Ausgaben der letzten Jahre zunehmend in einzelnen Kapiteln auf, aber ein spezielles Lehrbuch zu diesem wichtigen Zukunftsthema fehlte.

Auch unsere Studierenden am Masterstudiengang Nachhaltiges Tourismusmanagement fragten uns immer wieder, welches Lehrbuch sie nutzen könnten, um kompakt zu den vielfältigen Aspekten der Nachhaltigkeit im Tourismus Informationen zu finden. Wir mussten immer passen und die Studierenden auf unsere eigenen Vorlesungsunterlagen, auf Lehrbücher, Artikel und Broschüren zu einzelnen Aspekten der Nachhaltigkeit verweisen, die es natürlich zahlreich gibt. Ein umfassendes Lehrbuch zum Thema fehlte. Der Wunsch eine solches Lehrbuch zu erstellen, war daher schon lange bei uns vorhanden, doch wie es im Hochschulbetrieb oft der Fall ist, fehlte die Zeit zwischen Lehre, Forschung und Verwaltung ein solches Lehrbuch in Angriff zu nehmen. Daher war die Anfrage ihres Verlages der entscheidende Impuls für uns, dieses Vorhaben nun endlich in die Realität umzusetzen. Dies fiel zusammen mit der Gründung des ZENAT (Zentrum für nachhaltigen Tourismus) an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), so dass sich uns die Chance bot, mit unseren ZENAT-Kolleginnen und Kollegen sowie befreundeten Fachkollegen, unser Wissen und unsere Erfahrungen im Bereich der Nachhaltigkeit im Tourismus für Studierende, die wissenschaftliche Fachwelt sowie die Praxis in einem Lehrbuch zu bündeln.

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