Was hat die Reformation uns gebracht? Welche Thesen würden heute angeschlagen werden? Professor Martin H. Jung, Autor von “Reformation und Konfessionelles Zeitalter (1517-1648)” spricht mit uns über eine der wichtigsten Epochen des Christentums.

Herr Professor Jung, mit dem Lutherjahr 2017 steht die zentrale Epoche der Geschichte des Christentums im Fokus. Was sind für Sie die wichtigsten Ergebnisse oder Neuerungen, welche die Reformation uns gebracht hat?

Am wichtigsten aus heutiger Sicht waren die Eindeutschung des Gottesdienstes, die Verabschiedung von heiligen Sprachen und heiligen Liturgien, und die Ausrichtung des Gottesdienstes auf die Predigt. Nun verstanden die Menschen, was gebetet und gelesen wurde, und sie konnten betend und singend mitwirken. Der Gottesdienst ermöglichte nun Partizipation! Und da in jeder Stadt und in jedem Dorf, sofern sie evangelisch waren, nun solche deutschen Gottesdienste mit Predigt gehalten wurden, kam auch Bildung zu den Menschen. Faktisch war der Gottesdienst, neben seinem eigentlichen religiösen Anliegen, eine umfassende, die einzige umfassende Bildungsmaßnahme, die alle, wirklich alle Menschen erreichte. Ferner hat die Reformation Bildung für alle, auch für die Mädchen, auch auf den Dörfern, gefordert und bewirkt. Überall wurden Schulen gegründet.

Die Reformation hatte aber natürlich auch die Spaltung der Kirche zur Folge, wobei ich immer gerne betone: Nicht Luther hat die Kirche gespalten, sondern Papst Leo X., als er Luther und seine Anhänger 1520 exkommunizierte. Die Spaltung der abendländischen Christenheit brachte viel Leid mit sich, bis hin zu Kriegen, aber aus heutiger Sicht kann man ihr auch Positives abgewinnen und sie als notwendige Pluralisierung der christlichen Religion begreifen, die den Weg bereitete zu Toleranz und Dialog.

 

Gibt es den einen zentralen Grundgedanken der Reformation?

Ich denke, es sind zwei: das allgemeine Priestertum und die Rechtfertigung „allein durch den Glauben“. Das allgemeine Priestertum war ein radikaler Gleichheitsgedanke, freilich nur innerkirchlich gedacht, aber meines Erachtens dennoch von gesellschaftlicher Relevanz. Die evangelische Rechtfertigungslehre befreite die Menschen von Zwängen und Ängsten. Erstmals in der Religionsgeschichte wurde mit nachhaltiger Wirkung Freiheit mit Religion verbunden. Religion – der christliche Glaube – macht den Menschen frei! Ein revolutionärer Gedanke auch heute, wenn man daran denkt, wie häufig auch heute noch, auch in christlichen Kontexten Religion mit Unfreiheit einhergeht. Die Rechtfertigungslehre machte den Menschen auch zu einem Individuum, das unmittelbar vor Gott steht und in Freiheit Gott und seinem Nächsten dient.

 

Welche Voraussetzungen haben die Reformation erst möglich gemacht? Welche Missstände ebneten den Weg für die Veränderungen?

Ohne Humanismus und ohne Buchdruck hätte die Reformation nicht stattgefunden oder wäre nicht erfolgreich gewesen. Missstände waren vielleicht gar nicht so ausschlaggebend, wie viele denken. Aber an den vielen unnützen Klerikern, Mönchen und Nonnen, die auf Kosten der Allgemeinheit lebten, nahmen damals sicher viele Menschen Anstoß. Der verbreitete Antiklerikalismus war gewiss ein wichtiger Motor für die Reformation. Entscheidend war dann aber, dass Luther neue, verständliche, ansprechende Antworten gab auf die religiösen Fragen, die viele Menschen bewegten: Wie finde ich zu Gott, wie gelange ich zum Heil, was erwartet mich nach dem Tod?

 

Was hat die Reformation auf politischer Ebene bewirkt?

Politisch hat die Reformation den Kaiser und das Reich geschwächt, dagegen die Territorialherren gestärkt. Dadurch wurde Deutschland erst im 19. Jahrhundert ein Nationalstaat und hat bis heute betont föderale Strukturen. Das kann man gut oder schlecht finden, aber auch das gehört zu den Folgen der Reformation! Im 16. Jahrhundert hat Luthers Reformation leider aber auch zu noch konsequenteren Vertreibungen der Juden aus den wenigen Orten geführt, in denen sie noch lebten.

 

Sie schreiben, dass sich auch die römisch-katholische Kirche durch die Reformation verändert hat – wie war das trotz Ablehnung der neuen Bewegung möglich und welche Änderungen ergaben sich dadurch?

Ja, die katholische Kirche hat Luther im Nachhinein in vielem Recht gegeben, ohne das ausdrücklich zuzugestehen. Aber das Einlenken fing schon im 16. Jahrhundert an, als Ablass gegen Geld ebenso unterbunden wurde wie die Stillen Messen. Im 20. Jahrhundert hat die katholische Kirche dann die Bibel neu entdeckt, wie von Luther gewollt, und in ihren Gottesdiensten die Landessprache eingeführt. Auch das Abendmahl mit Brot UND Wein für alle, nicht nur für die Priester, ist heute in katholischen Gottesdiensten möglich, wenn auch weiterhin nicht selbstverständlich.

 

Welche Thesen würde ein moderner Luther heute anschlagen?

Luther würde heute sicher erneut fordern, dass man endlich alle Geistlichen von der Last erzwungener Ehelosigkeit befreit. Wer ehelos leben will, soll ehelos leben, aber man soll niemanden zwingen, weil er als Pfarrer arbeiten will, ehelos zu leben. Luther würde auch erneut dagegen protestieren, dass es noch immer Ablass gibt, wenn auch nicht mehr gegen Geld. Und er würde sich erneut gegen den Anspruch des Papstes wenden, der Oberste in der Christenheit zu sein. Sicher würde Luther aber auch manches in den evangelischen Kirchen nicht gefallen. Ich glaube, gerade die neue Luther-Bibel würde er nicht gut finden, weil sein Grundsatz immer war, dass die Bibel genau in die Sprache übersetzt werden muss, die die Menschen sprechen und verstehen. Unsere neue Luther-Bibel wahrt aber vielfach das sicher schöne, aber veraltete Luther-Deutsch, das kein Konfirmand und kein Schüler mehr versteht. Unsere Luther-Bibel ist also keine Bibel in Luthers Sinn, denn sie hat dem Volk nicht mehr „auf das Maul geschaut“. Und ich vermute, er hätte auch etwas gegen die in vielen evangelischen Freikirchen und freien Gemeinden gepflegte gesetzliche und biblizistische Frömmigkeit.

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