Wenn Sie mit jemandem reden können, können Sie auch wissenschaftlich schreiben. Dr. Emma Huber berät als Psychotherapeutin Studierende in der Abschlussphase und bei Schreibhemmungen. Sie sprach mit uns im utb-Experteninterview darüber, wie der innere und der äußere Dialog beim Schreiben helfen.

  1. Ich kann zwar gut reden, aber schreiben konnte ich noch nie! Was würden Sie jemandem raten, der mit solch einer Aussage zu Ihnen kommt?

Reden Sie, um leichter zu schreiben. Entwickeln Sie Ihren Text aus einem Gespräch mit einer anderen Person. Oder erklären Sie der anderen den Sachverhalt in Ihrer Vorstellung.

Die meisten reden, ohne vorher nachzudenken. Zumindest scheint es ihnen so, denn das Denken für das spontane Sprechen ist meist ein unbewusstes. Schreiben dagegen verlangt ein bewusstes Voraus- und Mitdenken. Da kann es einem schon passieren, dass man vor einem leeren Blatt oder Bildschirm sitzt, angestrengt überlegt und zunächst keinen vernünftigen Satz zustande bringt.

Nehmen Sie deshalb das Reden zu Hilfe, um zu schreiben. Damit ist sowohl das äußere Reden als auch das innere Sprechen mit sich selbst und anderen gemeint.

  1. Warum heißt Ihr Buch “Vom Reden zum Schreiben“? Wird das Reden beim Schreiben einer Abschlussarbeit häufig vernachlässigt?

Ja. Das beginnt schon beim Betreuer der Arbeit: Oft wird das Gespräch mit ihm immer wieder verschoben. Dabei wäre es gut, schon über erste Ideen und Überlegungen mit ihm zu sprechen. Aber auch später kontaktieren viele Studierende ihn nicht rechtzeitig, wenn Fragen zur Arbeit auftauchen. Oder sie informieren ihn nicht darüber, dass ihre Abschlussarbeit schon ein Stück weit gediehen ist.

Untereinander sprechen sie viel zu selten darüber, wie sie sich während des Schreibens an ihrer Arbeit fühlen und wie sie damit vorankommen. Sie unterlassen es dann auch, sich gegenseitig Mut zu machen und sich in ihren Vorhaben zu bestärken.

Der Titel meines Buches hat auch noch eine andere Bedeutung: Er verweist darauf, dass das Schreiben aus einem äußeren und einem inneren Sprechen mit einer anderen Person oder mit sich selbst entstehen kann.

  1. Warum ist der Dialog so wichtig und wie finde ich den richtigen Dialogpartner, um mit meiner Arbeit voranzukommen?

Auch heute noch wird Schreiben bisweilen als Ergebnis eines inneren Monologs verstanden. Damit tun sich Schreibende oft schwer. Sie fühlen sich alleingelassen, während sie versuchen, ihr Wissen und ihre Gedanken in Worte zu fassen. Zudem erscheint ihnen das Ganze dann häufig sinnlos. Welchen Sinn sollte es auch haben, das alles für sich selbst niederzuschreiben?

Besser ist es, Schreiben als Resultat eines inneren Dialogs zu verstehen. Berichten Sie in Gedanken einer interessierten Person über das Thema und die Inhalte Ihrer Arbeit. Das fällt Ihnen leichter, wenn Sie schon mit anderen Personen über Ihre Abschlussarbeit gesprochen haben.

Finden Sie jemanden, der auf Ihrer Seite ist und Ihnen im Gespräch Fragen zu Ihrer Arbeit stellt. Geeignet dafür sind z.B. Freundinnen, Kommilitonen, Geschwister, Familienmitglieder und Angehörige. Natürlich auch der Betreuer oder andere Lehrende. Es sollten wohlmeinende Personen sein, die Ihr Vorhaben gutheißen und es ideell oder auch materiell unterstützen. Beantworten Sie die Fragen dieser anderen Person und nützen Sie Ihre Antworten als Basis für Ihren schriftlichen Text.

  1. Kann mich auch das innere Selbstgespräch weiterbringen und worauf muss ich dabei besonders achten?

Bevor Sie innerlich mit anderen sprechen, sprechen Sie zunächst mit sich selbst. Dabei melden sich verschiedene Stimmen in Ihnen zu Wort. Jede vertritt ein bestimmtes Anliegen oder Bedürfnis. Beispiele dafür sind die Stimme der inneren Kritikerin und die des inneren Mentors. Lassen Sie diese miteinander diskutieren. Wenn sie sich nicht einigen können, braucht es eine weitere Stimme, deren Wort den Ausschlag gibt. So können Sie Konflikte in Ihrem eigenen Inneren lösen, damit Sie (wieder) handlungs- und schreibfähig werden.

Wie kann Ihr inneres Selbstgespräch Sie beim Schreiben Ihrer Abschlussarbeit unterstützen? Machen Sie es wie erfahrene Autorinnen oder Verfasser: Stellen Sie sich selbst Fragen, wie ein anderer sie Ihnen stellen könnte, und beantworten Sie diese dann in Ihrem Text.

  1. Beklemmung, Angstgefühl, Schlaflosigkeit – was tun, wenn man das Gefühl hat, die Abschlussarbeit nicht meistern zu können?

Zunächst sollte man sich daran erinnern, dass man in der Vergangenheit auch schon andere Schreibaufgaben gemeistert hat. Eigene Erwartungen und Ansprüche an sich selbst spielen auch eine Rolle: Es erschwert die Sache, wenn man sich die Latte zu hoch legt. Machen Sie es stattdessen so gut, wie Sie können. Es gibt keinen Nobelpreis für die beste Abschlussarbeit.

Vielen hilft es, wenn sie diese große Aufgabe für sich selbst in kleine Portionen zerlegen, die überschaubar und bewältigbar sind. Informationen zum Schreiben einer Arbeit sind ebenfalls wichtig – vor Beginn der Arbeit, aber auch währenddessen. Reden Sie mit anderen über Ihre Fragen, Sorgen und Ängste: mit Freundinnen und Freunden, mit Studienfreunden, mit Professorinnen und Dozenten, mit der Studierendenberatung und nicht zuletzt mit der Person, die Sie bei Ihrer Arbeit betreut.

Wenn das alles nichts nützt und Ihre Beschwerden andauern, dann sprechen Sie einmal mit einem Arzt bzw. Facharzt oder mit einer Psychotherapeutin darüber. Es ist vollkommen in Ordnung, sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Besonders bei einem Projekt, das anders ist als alles, was Sie bisher schon begonnen und erfolgreich zu Ende geführt haben.

Allen Studierenden, die an ihrer Abschlussarbeit schreiben, wünsche ich Zuversicht, Ausdauer und ein gutes Gelingen. Und später viel Freude mit der fertigen Arbeit!

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