Ein Studium ohne Papier bestreiten, ist das überhaupt möglich? Ja, sagt Jan Schaller, Autor des Buches “Papierlos studieren” und erklärt uns im utb-Experteninterview, wie man das am besten bewerkstelligt.

1. Was sind die Vorteile eines papierlosen Studiums?

Ich sehe hier drei große Vorteile: Erstens kann man nichts mehr vergessen und muss auch nichts mit sich herumschleppen. Außer natürlich Laptop oder Tablet. Gerade in leseintensiven Fächern stapeln sich ansonsten auch schnell die Seminarreader. Das kann man sich natürlich sparen. Zweitens Durchsuchbarkeit. Vielleicht der größte Gewinn für die eigene Produktivität. Mit digitalen Dokumenten lassen sich Textstellen in Sekundenbruchteilen finden, was gerade bei komplexeren Arbeiten unheimlich wertvoll ist. Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz führen außerdem zunehmend dazu, dass Verbindungen zwischen Texten gezogen werden können, auf die man selbst gar nicht kommt. Und drittens  Teilbarkeit. Digitale Güter werden mehr, wenn man sie teilt, nicht weniger. Wissen lässt sich also potentiell unbegrenzt und ohne geographische Begrenzungen teilen. Oder auch einfach mit den Kommiliton*innen

2. Seit wann haben Sie im Studium auf Papier verzichtet? Was war der Auslöser und was waren Ihre persönlichen Anfangsschwierigkeiten?

Das begann relativ schnell nach Beginn meines Studiums und Ausgangspunkt war, dass ich mir für jedes besuchte Seminar, einen Semesterreader im Copy-Shop abholen musste. Ich saß also da mit riesigen Stapeln Papier und dachte mir, dass es da ja irgendwie auch nicht sein kann. Ich war dann aber direkt mit einer ganzen Reihe an Schwierigkeiten konfrontiert. Gerade was das handschriftliche Schreiben auf einem Tablet angeht, waren wir noch Welten von dem entfernt, was mittlerweile möglich ist. Und auch wenn es schon Cloud-Lösungen gab, war die Synchronisation zwischen mehreren Geräten 2011 noch ein viel größeres Problem, als es heutzutage ist. Und zuletzt musste ich natürlich auch erst einmal lernen, wie man z.B. Buchnotizen gut digital ablegt, um sie auch Jahre später noch wiederzufinden. Aber Wissensorganisation ist sicherlich ein Thema, mit dem viele zu kämpfen haben, egal ob analog oder digital. Hier hilft dann aber auf jeden Fall die eben angesprochene Durchsuchbarkeit von digitalen Texten oder dass man einem PDF Schlagworte geben kann. Das ist bei ausgedrucktem Papier natürlich problematischer.

3. Ein Studium ohne Papier – ist das für jede*n geeignet oder muss man technikaffin sein?

Ich glaube nicht, dass man dazu extrem technikaffin sein muss. Natürlich sollte man der Sache aufgeschlossen gegenüber stehen, aber ich denke, dass gerade jetzt durch Corona auch viel Bewegung rein kommt. Im Grunde ist es auch gar nicht schlecht, wenn man nicht so das ganz große Interesse an der Technik hat, schließlich sollte ja das Studium im Mittelpunkt stehen und ich habe manchmal das Problem, zu viel mit irgendwelchen Apps rumzuspielen. Von daher reicht es eigentlich aus, sich zu Beginn mal ordentlich Gedanken zu machen, sodass man ein funktionierendes System hat. Von da an kann man sich dann auf die Inhalte konzentrieren.

4. Digitale Lernmethoden halten auch an den Hochschulen Einzug. Welche Hürden müssen diese nehmen, um Studierende beim papierlosen Studium zu unterstützen?

Ich denke, dass uns Corona gerade sehr gut zeigt, was geht und was nicht. Eine gute Seminardiskussion wird man nicht mit einem Videocall ersetzen, das ist einfach nicht das gleiche. Von daher sollte man nicht den Fehler machen, alles auf digitalem Weg lösen zu wollen. Auf der anderen Seite ist aber natürlich sehr viel möglich und hier sehe ich die Hochschulen vor allem in Sachen Infrastruktur gefordert, auch um soziale Ungleichheiten unter den Studierenden ein Stück weit auszugleichen. Eine gut funktionierende Video-Konferenz-Plattform, die auch entsprechenden Datenschutzanforderungen genügt und für Lehre und Forschung genutzt werden kann, ist in meinen Augen essenziell. Bei Büchern wünsche ich mir, dass es heißt: eBooks first. Das hebt auch Ausleihlimitierungen auf, die bei physischen Büchern logischerweise bestehen. Ältere Bücher müssten konsequent gescannt und digitalisiert werden. Das gilt auch für Archivbestände, da es auch in der Forschung viele Reisen überflüssig machen würde, was ja vor dem Hintergrund des Klimawandels auch nicht zu vernachlässigen ist. Und als letztes müssten Hochschulen noch stärker Software für die Studierenden zur Verfügung stellen. Auch hier würde ich wieder die soziale Komponente betonen. Software für Wissenschaft und Forschung kann teuer sein, sodass hier für eine gewisse Chancengleichheit gesorgt werden sollte.

5. Wie behalte ich den Überblick über mein ganzes digitales Material?

Eine der wichtigsten Fragen. Digitalisierung lädt auch immer zum Horten ein, da es ja keinen physischen Platz wegnimmt. Ein erster Schritt ist also, nicht einfach nur Material zu sammeln, in der Hoffnung es irgendwann mal zu lesen. Stattdessen besser eine kleinere Auswahl an Material und dann auch wirklich damit arbeiten. Was das Ablegen und Wiederfinden angeht, muss man einfach ein wenig Zeit investieren, um ein System zu finden, dass für einen selbst passt. Betonung dabei auf System. Man sollte also möglichst Dateien immer nach dem gleichen Schema benennen, um sich auch darauf verlassen zu können. Ich selbst benenne Paper und Bücher z. B. immer nach dem Schema Autor*in_Jahr_Titel und achte zudem darauf, dass die Dateien auch durchsuchbar sind und nicht nur einfache Scans. So kann ich auch nach Schlagworten suchen. Und ansonsten pflege ich eine Ordnerstruktur, die thematisch organisiert ist. Das ist nicht ganz trivial, da Texte natürlich oftmals in mehrere Themen fallen. Was mache ich denn mit einem Text zur EU-Nachbarschaftspolitik am Beispiel Georgiens? Ist das jetzt im Ordner EU? Oder Internationale Beziehungen? Oder interessiert mich Georgien so sehr, dass es einen eigenen Ordner bekommt? Schwierig. Vor allem, wenn man es pauschal beantworten möchte. Daher mein Plädoyer, sich wirklich mal hinzusetzen, um ein System für sich selbst zu entwickeln. Die eigenen Interessen werden einen leiten und man kann ja auch immer nachbessern. Wichtig ist nur ab einem gewissen Punkt konsistent zu sein. Hier könnten die Hochschulbibliotheken eine wichtige Rolle spielen und entsprechende Kurse anbieten. Sie sind schließlich die Expert*innen, wenn es um die Organisation von Wissen geht.

6. Welches drei Apps und/oder Programme würden Sie Interessent*innen des papierlosen Studierens besonders empfehlen?

Ich glaube so spezifisch lässt sich das nicht sagen, da es schon sehr auf den Einzelfall ankommt. Ich will aber mal drei App-Kategorien nennen, die allen helfen können. Das eine wäre eine Literaturverwaltung. Ordentlich mit Literatur umzugehen, ist einfach unverhandelbarer Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens, das muss einfach funktionieren. Und da kann eine Literaturverwaltung wie Citavi, Mendeley oder Zotero extrem helfen. Zum einen findet man Quellen sehr viel leichter wieder, zum anderen übernehmen diese Apps auch nervige Aufgaben wie das Formatieren des Literaturverzeichnisses.

Das zweite ist eine gute Lösung, um PDFs zu lesen und vor allem Wissen zu extrahieren. Die einfachste Lösung wäre ein x-beliebiger PDF-Reader. Davon gibt es mehr als genug und die meisten nehmen sich nicht viel, sodass oft schon die Lösung ausreicht, die das jeweilige Betriebssystem mit sich bringt. Das Problem bei all diesen Lösungen ist aber, dass das Extrahieren relevanter Stellen oft zu kurz kommt. Spätestens wenn es darum geht, Wissen aus mehreren Dokumenten miteinander ins Verhältnis zu setzen, ist man schnell aufgeschmissen. Zwei Apps, die in diese Lücke stoßen sind MarginNote und LiquidText. Beide Apps bieten Möglichkeiten, mit mehreren Dokumenten gleichzeitig zu arbeiten, was ein ganz wichtiger Schritt ist. Auch kann man hier mit Textstellen arbeiten, sie auf einer von den getrennten Arbeitsfläche ins Verhältnis setzen, eigene Kommentare ergänzen und einiges mehr. Dafür lohnt sich dann auch die etwas längere Einarbeitungszeit.

Das dritte wäre eine App für handschriftliche Notizen. Das muss ich gleich wieder ein wenig einschränken, da man zum einen natürlich Handschrift mögen muss und zum anderen ein Tablet mit entsprechendem Stift braucht. Ist das aber gegeben, können digitale handschriftliche Notizen eine super Ergänzung sein. Ich nutze das gern, wenn ich konzeptionell über Dinge nachdenken möchte. Aber natürlich eignet es sich auch super, um schnell in der Vorlesung Ergänzungen an Skripten vorzunehmen. Zwei sehr gute Apps in diesem Bereich sind GoodNotes und Nebo.

7. In Zeiten von Corona bietet das Arbeiten mit digitalen Inhalten immense Vorteile. Haben Sie in den letzten Monaten ein zunehmendes Interesse am papierlosen Arbeiten festgestellt?

Definitiv. Sowohl bei mir auf dem Blog, als auch in Gesprächen. Ich denken, dass Corona in dieser Hinsicht ein Katalysator ist und manches beschleunigt, auch Ängste abbaut. Manche*r der*die sich vorher nicht so ran getraut hat, ist nun dazu gezwungen und stellt vielleicht fest, dass das alles nicht so furchteinflößend und kompliziert ist, wie es vielleicht aussieht. Zudem merken nun viele Menschen deutlich stärker als vorher, welche Limitierungen es noch gibt, vor allem in Sachen Infrastruktur. Von daher ist Corona natürlich in erster Linie eine Tragödie. Wenn man aber der ganzen Sache aber etwas positives abgewinnen möchte, dann gehört der Digitalisierungsschub sicherlich dazu.

8. Lesen Sie noch Printbücher?

Auf jeden Fall! Da bin ich nicht dogmatisch. Und es ist ja auch schön, durch ein gedrucktes Buch zu blättern und die Seiten zu riechen. Ich möchte das aber auch nicht in die andere Richtung fetischisieren. Ich lese Bücher so, wie ich sie am schnellsten bekommen kann. Wenn es ein eBook ist, ist es halt ein eBook. Wenn ich das physische Buch aber bei mir um die Ecke in der Stadtteilbibliothek bekomme, dann gehe ich natürlich dorthin. Fachliteratur lese ich aber schon lieber digital, schlicht weil es dann einfacher ist, die Informationen weiterzuverarbeiten. Sobald es aber um meine Freizeit geht, bin ich flexibel. Meine Bücherregale sind auf jeden Fall gut gefüllt.

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Die Fragen stellte Sabine Teutsch von utb GmbH.

 
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