Aktuelle Konflikte und Kriege erinnern uns daran, dass Frieden in vielen Teilen der Welt nach wie vor ein unerreichtes Ziel ist. Wie friedlich ist unsere Welt heute wirklich? Wie kann Frieden entstehen? Wir sprachen mit Friedens- und Konflikt-Forscher Dr. Tobias Ide, Leiter im gleichnamigen Forschungsfeld am Georg-Eckert-Institut in Braunschweig.

Herr Dr. Ide, wir erleben aktuell Kriege in Syrien und der Ukraine, Spannungen um das nordkoreanische Atomprogramm sowie mehrere Terroranschläge. Wird die Welt immer unfriedlicher?

Seit den frühen 1990er-Jahren stieg die Zahl der Friedensabkommen, während bewaffnete Konflikte und kampfbezogene Tote abnahmen. Diese Tendenzen kehren sich aber seit etwa 2011 um. Wenn diese Trendwende stabil bleibt, werden Kriege und bewaffnete Konflikte wieder eine gröβere Rolle in der Weltpolitik spielen als in den 20 Jahren nach Ende des Kalten Krieges. Auch wenn man Frieden breiter fasst und darunter neben Gewaltfreiheit auch soziale Gerechtigkeit oder demokratische Mitbestimmung versteht, sehe ich diverse negative Trends.

Wie ist es möglich, Kriege zu beenden und die Spirale aus Hass, Gewalt, Macht- und Finanzinteressen zu durchbrechen?

Wenn Kriege einmal begonnen haben, verstärken sich in der Tat oft Hassgefühle. Außerdem entstehen bei einigen Akteure finanzielle Interessen an der Fortsetzung der Kämpfe, etwa weil Waffen geliefert oder Rohstoffe illegal exportiert werden können. Ein militärischer Sieg hilft dann nur bedingt weiter, weil die unterliegenden Konflikte ja weiter fortbestehen. In den meisten Kriegen treten aber Erschöpfungseffekte auf: Irgendwann werden die Kosten, die Zerstörung und das Leid so groß, dass sich mehr Menschen auf beiden Seiten offen für Verhandlungen und Kompromisse zeigen. Dadurch eröffnen sich dann Möglichkeiten für Friedensprozesse.

Lassen sich Kriege verhindern? Wenn ja, wie?

Kriege lassen sich durchaus verhindern. Nehmen wir doch das Beispiel der deutsch-französischen Beziehungen nach 1945. Stärkerer ökonomischer und zivilgesellschaftlicher Austausch, ein gemeinsames Feindbild sowie politische Vermittlung und wirtschaftliche Unterstützung durch die USA haben weitere Kriege innerhalb weniger Jahrzehnte undenkbar werden lassen.

Sind Religionen eher Konfliktherde wegen ihres jeweiligen Allmachtsanspruchs oder sind sie Instrumente des Friedens, wegen ihrer Vorgaben zu moralischem und ethischem Verhalten?

Religion ist selten eine Friedens- oder Konfliktursache an sich. Ideen sind ganz wesentlich, um in bewaffneten Auseinandersetzungen Anhänger und gegebenenfalls externe Unterstützung zu mobilisieren. Der genaue Inhalt solcher Ideen variiert jedoch. Sie können religiöse Elemente aufgreifen, wie wir das momentan beim IS erleben. Konfliktparteien berufen sich aber auch auf häufig auf ethnische Identitäten, nationalistische Ansprüche, Ideologien wie den Kommunismus, oder sogar auf positive Werte wie Menschenrechte und Demokratie.

Ist Fortschritt ohne (kriegerische, gewalttätige) Konflikte möglich?

Fortschritt ist nicht ohne Konflikte möglich, da es immer konservative Gruppen gibt, die sich gegen diesen Fortschritt stemmen. Solche Konflikte müssen aber keinesfalls gewaltsam ablaufen. Das Ende der SED-Herrschaft in der DDR, die Einführung des Frauenwahlrechts oder diverse internationale Umweltabkommen sind hier nur einige Beispiele.

Ist die Abwesenheit von Bodenschätzen wie z.B. Öl ein relativer Friedensgarant?

Nein. Öl ist zwar ein Streitpunkt in einigen gewaltsamen Konflikten und kann genutzt werden, um bewaffnete Rebellen oder staatliche Repression zu finanzieren. Aber in vielen historischen und gegenwärtigen Konflikten, etwa zwischen Deutschland und Frankreich, China und Indien, oder Hutu- und Tutsi-Gruppen in Ruanda, spielen wertvolle Bodenschätze bestenfalls eine marginale Rolle.

Lassen sich mit der Friedens- und Konfliktforschung Kriege vorhersagen? Wenn ja, was wäre Ihre Vorhersage?

Es gibt statistische Modelle, mit denen man das Bürgerkriegsrisiko eines Land recht gut einschätzen kann. Und auch ein Blick auf auf weitere gesellschaftliche und politische Dynamiken hilft weiter. Im Nahen Osten existiert beispielsweise eine gefährliche Mischung aus bereits existierenden politischen Konflikten, staatlicher Schwäche, kontraproduktiven externen Interventionen, relativer Armut und der zunehmenden Verknappung von Wasser- und Landressourcen. Hier sind weitere Spannungen und Kriege wahrscheinlich. Auch Süd- und Südostasien sind relevante Brennpunkte. Existierende Konflikte, etwa zwischen China und Japan, Indien und Pakistan oder auf der koreanischen Halbinsel, sind zwar momentan relativ gut eingehegt. Sie bergen aber bei einer möglichen Eskalation ein enormes Destruktivpotential.

 

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