Wie funktioniert die Arzt-Patienten-Kommunikation? Der utb-Autor und Sprachwissenschaftler Sascha Bechmann sprach mit Dr. Uwe Köster vom Niedersächsischen Ärzteblatt unter anderem über das wichtigste Ziel der Arzt-Patient-Kommunikation und was Ärzte tun können, damit es mit den Patientengesprächen besser funktioniert.

Herr Dr. Bechmann, Sie haben der Arzt-Patienten-Kommunikation ein Buch gewidmet. Warum?
Ich halte die Arzt-Patienten-Kommunikation für außerordentlich wichtig. Ich habe neben dem Linguistikstudium einige Semester Medizin studiert und bin längere Zeit Rettungswagen gefahren. Dabei habe ich immer wieder erfahren: Wichtiger und heilsamer als Handgriffe und Therapien ist oft die Verständigung mit dem Patienten. Und Kommunikation kann man lernen. Ratgeber von Medizinern zur Gesprächsführung gibt es zuhauf. Neu ist an meinem Buch die Sichtweise der Kommunikationswissenschaft. Wie menschliche Kommunikation im Allgemeinen funktioniert, ist bekannt. Aber wie man sie auf die speziell medizinische Situation herunterbricht, ist nicht immer greifbar. Für mich geht es darum, wie sich die Probleme der Ärzte in der Arzt-Patienten-Kommunikation beheben lassen.

In einem Satz: Was ist für Sie das wichtigste Ziel der Arzt-Patienten-Kommunikation?
Am wichtigsten: Ärzte sollten sich ihrer professionellen Rolle bewusst werden und die Asymmetrie im Arzt-Patienten-Gespräch auflösen. Da stoßen ja unterschiedliche Interessen aufeinander. Ärzte haben natürlich einen medizinischen Wissensvorsprung, berücksichtigen oft aber nicht, dass Patienten über ihre individuelle Krankheit auch viel wissen – oft mehr als der Arzt. Der Arzt muss in der Lage sein, das aus einem Gespräch herauszuziehen, was er für die Behandlung benötigt. Aber man muss sich als Arzt auch darauf einlassen wollen. Viele fragmentieren den Patienten, ohne es zu wollen: Sie erheben nur die medizinischen Daten, sehen aber nicht den Patienten in seiner Gesamtheit. Das muss man im Gespräch hinbekommen.

Warum tun sich manche Ärzte damit so schwer?
Kein Arzt streitet ab, dass das Patientengespräch wichtig ist. Aber es gibt einen Konflikt. Viele Ärzte sagen: „Ich will das ja, aber ich habe einfach nicht die Zeit dafür.“ Studien belegen, dass das gar nicht stimmt. Es klingt wie ein Paradoxon: Wenn man Patienten initial ausreden lässt, wird das Gespräch kürzer, als wenn es zu früh gelenkt wird. Ärzte meinen oft, den Patienten schnell unterbrechen zu müssen, um dann seine Aussagen zu antizipieren. Die Folge: Der Patient zieht sich auf seine „Laienrolle“ zurück und spricht bestimmte Dinge nicht an. Dann, am Ende des Gesprächs, vielleicht schon in der Tür, kommt häufig die Äußerung: „Was ich noch sagen wollte …“. Zwischen Tür und Angel gehen aber wichtige Informationen oft verloren, denn das Gespräch ist eigentlich schon vorbei. Und es wird dadurch länger.


Ärztliche Gesprächsführung ist seit 2012 ja sogar Prüfungsfach.
Das Thema hat doch an Bedeutung gewonnen…
Ja, sehr deutlich. Ich sehe auch, dass junge Ärzte dafür viel stärker sensibilisiert sind als die ältere Ärztegeneration. Es gibt auch an praktisch jeder medizinischen Fakultät Trainingseinrichtungen dafür. Aber ich frage mich – wer sind die Dozenten dort? In aller Regel doch ältere Mediziner, die Kommunikation auch nicht richtig gelernt haben. Die Tradition, nur hierarchisch von oben nach unten weiterzugeben, was schon immer so gemacht wurde, muss aufgebrochen werden. Hier käme es auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Soziologen, Psychologen und Kommunikationswissenschaftlern mit Ärzten an. Die Hintergründe von dem, was Kommunikation ausmacht, sind in der Theorie vielleicht bekannt, aber es erfolgt kein Brückenschlag zur Praxis. Mein Buch ist der Versuch, diese Lücke zu schließen.

Was empfehlen Sie einem Arzt, der seine Gesprächsführung verbessern möchte?
Mein Buch zu lesen …! Aber im Ernst: Der wichtigste Schritt besteht darin, sich selbst zu öffnen und sensibel zu sein für das eigene Handeln. Viele Ärzte räumen ja ein, dass es bei der ärztlichen Gesprächsführung Verbesserungsbedarf gibt, sehen aber bei sich selbst kein Problem. Von dieser paternalistischen Grundhaltung sollte man sich verabschieden. Indem man sich selbst – und auch das gesamte Praxisteam– kritisch beobachtet und zugleich auf die Reaktionen der Patienten achtet, kann man eine ganze Menge verbessern.

Quelle: Niedersächsisches Ärztblatt, Dr. Uwe Köster

Das ganze Interview und eine Buchrezension finden Sie hier: niedersaechsisches_Aerzteblatt_ 10-2015_Interview_Patientengespraech

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Kundenmeinung von Anke Peters am 14.01.15. Bewertung : ✰✰✰✰✰

Pflichtlektüre für das Medizinstudium

Mit der ärztlichen Gesprächskompetenz ist das ja so eine Sache. Machen Ärzte können super kommunizieren, andere leider gar nicht.

Dieses Buch möchte bereits im Studium den Grundstein setzen für eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Kommunikation und ist wohl in erster Linie für Medizinstudenten geschrieben. Damit versteht sich das Buch als Lehrbuch für das neu eingeführte Fach “Ärztliche Gesprächsführung” im Medizinstudium. Dass es von einem Sprachwissenschaftler geschrieben ist, der zudem aus eigener beruflicher Praxis auch die medizinische Seite kennt, wertet das Buch enorm auf. Die vermittelten Theorien sind leicht verständlich und mit großem Praxisbezug dargestellt. Schön ist, dass die Theorie sehr kleinschrittig und und auch für Laien absolut verständlich präsentiert wird. Es gibt zahlreiche Tabellen und Grafiken, so dass das Lernen mit diesem Buch Spaß macht. Manche Kapitel sind zwar etwas sehr aus der Sicht der Sprachwissenschaft geschrieben, aber auch für Mediziner interessant (z.B. “Was ist Sprache?”) und lehrreich.

Insgesamt ein tolles und gut geschriebenes Buch mit vielen wertvollen Hinweisen, das jeder Medizinstudent kennen sollte.

 

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