4,2 Milliarden Menschen leben derzeit weltweit in Städten. Bis zum Jahr 2050 könnten es laut UNO gar mehr als 6,7 Milliarden Menschen sein. Im Zuge dieser fortschreitenden Urbanisierung rücken Städte immer mehr in den Fokus internationaler Programme und Politiken. Die Ansätze, wie sich aktuelle und künftige Trends der Stadtentwicklung erklären und steuern lassen, sind sehr unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund haben Stadtsoziologen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) mit dem „Handbuch Stadtkonzepte“ ein umfassendes Kompendium herausgegeben, in dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Institutionen 21 aktuelle Stadtkonzepte rund um den Globus vorstellen.

Erklärungen, anhand derer sich die Entwicklungen von Städten weltweit konzeptionell beschreiben lassen, finden sich in dem vom Prof. Dieter Rink und Dr. Annegret Haase veröffentlichten Fachbuch zahlreiche. Eines dieser Konzepte ist die „Smart City“. Sie verbindet Ideen, wie sich Technologien auf den Gebieten der Mobilität, Stadtplanung, Energieversorgung und Governance ressourcenschonend einsetzen lassen. Wohl kaum ein anderes Stadtkonzept erfährt derzeit so viel Aufmerksamkeit. „Das Konzept boomt auch deswegen, weil hinter den in den Städten eingesetzten Informations- und Kommunikationstechnologien wirtschaftliche Interessen stehen und große IT-Unternehmen damit Geld verdienen können“, sagt UFZ-Stadtsoziologe Dieter Rink. So habe dieses Konzept auch Eingang in politische Strategien gefunden und werde beispielsweise über Förderprogramme der EU-Kommission finanziell unterstützt. Allerdings zeigt sich in Debatten auch immer wieder, dass das Konzept der „Smart City“ nicht immer klar unterschieden wird vom Konzept der „Nachhaltigen Stadt“. Bei einer nachhaltigen Stadtentwicklung stehen insbesondere Biodiversitätsschutz, Ressourcenverbrauch oder Fragen des sozialen Miteinanders im Vordergrund, um die Lebensgrundlagen nachfolgender Generationen zu sichern. Technologien spielen dabei aber im Unterschied zur „Smart City“ eine untergeordnete Rolle.

Ein weiteres Beispiel für ein bereits seit langem diskutiertes, nach wie vor aktuelles Stadtkonzept ist das Konzept der „Europäischen Stadt“. „Die europäische Stadt ist die Stadt, in der wir leben und die unseren Alltag bestimmt. Sie ist eine Bürger- und Wohlfahrtsstadt, die gekennzeichnet ist durch eine Selbstverwaltung und die durch ihre jahrhundertelange Geschichte geprägt wurde“, sagt Annegret Haase, ebenfalls Stadtsoziologin am UFZ. Gleichwohl werde diese Stadt durch viele globale Einflüsse verändert, etwa im Zuge der Amerikanisierung durch die Anpassung der Städte an das Auto oder durch neoliberale Einflüsse, die stärkere unternehmerische Prioritäten betonen und am Wohlfahrtscharakter der Städte rütteln.

Die beiden Stadtforscher betonen, dass für eine Stadt nicht nur ein Stadtkonzept gültig sei, sondern oft mehrere. Nur ein Beispiel: Viele Städte im postsozialistischen Europa wie etwa Leipzig galten in den 90er Jahren zugleich als „Schrumpfende“, „Postsozialistische“ und „Europäische Stadt“. „Mittlerweile wächst Leipzig wieder rasant und ist nicht nur durch eine Reurbanisierung geprägt, sondern gilt auch, abgesehen von Berlin, als diverseste Stadt Ostdeutschlands“, sagt Dieter Rink. Zudem gebe es Stadtkonzepte, die sich kritisch mit bestimmten Stadtentwicklungen auseinandersetzten. So werden etwa mit dem Konzept der „Überwachten Stadt“ Kontrollinfrastrukturen kritisiert, die zum Beispiel in einigen chinesischen oder südkoreanischen Städten Teilaspekte einer Smart-City-Strategie darstellen. Mit „Recht auf Stadt“ werden vor allem derzeitige neoliberale und postpolitische Trends kritisch betrachtet. Das Konzept bildet darüber hinaus die Grundlage für aktivistisches Handeln und soziale Bewegungen für eine Auseinandersetzung darüber, wem die Stadt gehört. „Stadtkonzepte können kontrovers und umstritten sein“, sagt Annegret Haase. Vorherzusagen, welches Konzept dasjenige der Zukunft sei oder welches sich durchsetzen werde, sei aber nicht Ziel des Buches gewesen.

„Der Anspruch für das Handbuch war zu analysieren, welche aktuellen Ideen zur Stadt der Zukunft diskutiert werden“, sagt Dieter Rink. Es gebe in der wissenschaftlichen Literatur eine Vielzahl von Diskursen und von Überschneidungen unterschiedlichster Stadtkonzepte, aber bislang keine systematische Einordnung – eine Lücke, die das konzeptionell angelegte Buch füllen soll. „Das Handbuch will in Form eines Überblicks enzyklopädisch das Feld der Stadtkonzepte vollständig und gründlich recherchiert abdecken“, ergänzt Annegret Haase. Das Buch sei aber auch deswegen spannend, weil es immer mehr Menschen in die Städte ziehe. „Umso wichtiger ist es zu formulieren, in welcher Stadt wir eigentlich leben wollen und was wir dafür ändern müssen.“ Die für das Buch ausgewählten Stadtkonzepte sind Entwürfe und Diagnosen für die Stadt von heute, die auch den Blick in die Zukunft werfen. Die beiden Forschenden, die sich am UFZ schon seit vielen Jahren mit Stadtentwicklung beschäftigen, wählten die Konzepte für das Handbuch unter anderen danach aus, ob für das jeweilige Konzept eine theoretische Grundlage vorliegt, ob es dazu einen wissenschaftlichen Diskurs gibt und ob es für Politik und Wirtschaft relevant ist.

Das Buch richtet sich nicht nur an Lehrende und Studierende etwa im Bereich der Planungswissenschaften, der Sozialgeografie, der Architektur oder der Stadtsoziologie, sondern auch an Politik und Wirtschaft. Es ist aber auch für Stadtplaner interessant, die sich über den neusten Stand der Forschung zu Stadtkonzepten informieren können.

Quelle: idw-online, Susanne Hufe
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ

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