Das Wissenschaftsportal Gerda Henkel Stiftung L.S.I.A. hat ein Interview mit Irmgard Zündorf und Martin Lücke zur Fachdisziplin der Public History geführt.

Public History, oft als Angewandte Geschichte bezeichnet, beschreibt eine historische Teildisziplin, die sich mit der Geschichte in der Öffentlichkeit und der Geschichte für die Öffentlichkeit auseinandersetzt. Ursprünglich aus dem anglo-amerikanischen Raum stammend, findet die Disziplin auch im deutschen Forschungsdiskurs immer mehr Beachtung – so gibt es inzwischen beispielsweise entsprechende Studiengänge in Berlin, Köln und Bochum. Nichtsdestotrotz fehlte bislang ein einführendes Werk, das die Vielfältigkeit und die sich bietenden Beschäftigungsmöglichkeiten aufzeigt. Dr. Irmgard Zündorf, Leiterin des Bereiches Public History am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Prof. Dr. Martin Lücke, Professor für Didaktik der Geschichte an der FU Berlin, haben kürzlich ein solches Werk veröffentlicht.

“Öffentliche (Re-)Präsentationen von Geschichte”

L.I.S.A.: Liebe Frau Zündorf, lieber Herr Lücke, Sie sind die Autoren des jüngst erschienenen Studienbuches „Einführung in die Public History“. Bevor wir mit dem Interview beginnen eine einführende Frage: Wie definieren Sie persönlich Public History?

Dr. Zündorf / Prof. Lücke: Unsere persönliche Definition fällt nicht anders aus als die Definition, die wir im Buch genannt haben. Dabei betrachten wir Public History in erster Linie aus der Perspektive der Lehrenden an der Universität. Aus diesem Blickwinkel ist Public History zweigeteilt: Es bezeichnet einerseits jede Form der öffentlichen Geschichtsdarstellung, die sich an eine breite, nicht geschichtswissenschaftliche Öffentlichkeit richtet. Andererseits ist Public History aber auch eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die sich der Erforschung eben gerade dieser Geschichtsdarstellungen und ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit widmet. Public History in unserem Verständnis setzt sich mit öffentlichen (Re-)Präsentationen von Geschichte auseinander, mit der vielfältigen Art und Weise, wie solche Präsentationen in der Öffentlichkeit platziert werden, wer für sie verantwortlich ist und welche Interessen damit verfolgt werden.

L.I.S.A.: Wie lässt sich der Forschungsgegenstand von Public History beschreiben?

Dr. Zündorf / Prof. Lücke: Mit der oben genannten Definition ist der Forschungsgegenstand bereits grob umrissen: die öffentlichen Geschichtspräsentationen. Dabei werden zunächst keinerlei qualitative Einschränkungen der Präsentationen vorgenommen. Auf diese Weise kann die universitäre Public History sich mit jeder Form der Darstellung auseinandersetzen. Das umfasst Geschichtskitsch in Form von beklebten Tassen ebenso wie den Hollywood-Blockbuster oder die ARD-Fernsehdokumentation, die Bundestagsrede zum Holocaust Gedenktag oder das Computerspiel zum Römischen Imperium, die wissenschaftlich fundierten Ausstellungen in Museen und Gedenkstätten oder die kommerzielle ausgerichtete Werbeplattform mit historischen Verweisen. Es geht somit um Darstellungen in unterschiedlichen Medien (Bücher, Zeitschriften, Reden, Ausstellungen, Radio, Fernsehen, Film, Internet…). Die Präsentationen werden analysiert und damit dekonstruiert. Es wird nach den in ihnen zum Ausdruck kommenden Geschichtsbildern gefragt, nach dem öffentlichen oder privaten Gebrauch und Missbrauch der Historie aber auch nach den Potentialen der Geschichtsdarstellungen für das Historische Lernen. Dabei werden die medialen, ökonomischen und politischen Einflüsse auf die Darstellung der Vergangenheit herausgearbeitet – eben jene Interessen also, von denen oben schon die Rede war.

In diesem Rahmen treten nicht nur die Gesamtpräsentationen in den Fokus, sondern auch die einzelnen Elemente derselben: Wie werden historische Dokumente, Töne, Bilder, Filme aber auch aktuelle wissenschaftliche Expertisen oder Zeitzeugenbeiträge zusammengetragen und präsentiert? Darüber hinaus geht es um die Rezeptionsforschung: Wie wirken diese Darstellungen auf die ZuschauerInnen, BesucherInnen, HörerInnen? Um sich diesen Fragen zu nähern müssen neue Methoden entwickelt und ausprobiert werden. Public History ist noch ein relativ neues Forschungsfeld und arbeitet daher sehr interdisziplinär. Dabei können Methoden der Kunstgeschichte ebenso einbezogen werden wie die der Medienwissenschaften, der empirischen Sozialforschung, Archäologie oder der Literaturwissenschaften.

“Geschichte „von unten“ sollte stärker in den Blick genommen werden”

L.I.S.A.: Im anglo-amerikanischen Raum gilt Public History längst als etablierter Forschungsschwerpunkt. Welche Strömungen liegen der Entstehung zu Grunde?

Dr. Zündorf / Prof. Lücke: In den USA baute die Public History-Bewegung, und genauso hat sie sich zunächst bezeichnet, auf den Zielen der New Social History der 1960er Jahre auf. Geschichte „von unten“ sollte stärker in den Blick genommen werden, um weitere Bevölkerungskreise sowohl als Thema als auch als Zielgruppe in die Geschichtsbetrachtung einzubeziehen. Damit trat die Regionalgeschichte aber auch die Kultur- und Alltagsgeschichte stärker in den Blick. Vergleichbares entwickelte sich in Großbritannien mit der „History Workshop“-Bewegung um Raphael Samuel am Ruskin College in Oxford. Auch diese Bewegung setze sich verstärkt mit Fragen der Geschichte in der Öffentlichkeit auseinander. In Deutschland untersuchten die Geschichtswerkstätten, die in den 1980er Jahren außerhalb der Universitäten entstanden, unter dem Motto „Grabe, wo Du stehst“ die Regional- aber auch die Alltagsgeschichte.

Jede dieser Bewegungen kritisierte die universitäre Geschichtswissenschaft sowohl für ihre thematische Fokussierung auf die Politik- und Ideengeschichte als auch für ihre Ausgrenzung der sogenannten LaienhistorikerInnen aus der Forschung. Geschichte sollte nicht nur für die breite Öffentlichkeit konzipiert werden, sondern auch mit ihr zusammen.

Eine weitere Strömung, die großen Einfluss auf die Enstehung der Public History hat, lässt sich zudem in dem sogenannten Geschichtsboom sehen, in dessen Folge außerhalb der Universitäten professionelle Institutionen entstanden, die sich mit der Darstellung von Geschichte beschäftigten. Dazu zählte das öffentlich-rechtliche Fernsehen, Verlage, Gedenkstätten, Museen und zahlreiche Stiftungen aber auch Bundes- und Länderverwaltungen. Damit erweiterte sich das potentielle Arbeitsfeld von Studierenden der Geschichtswissenschaften, auf das sie bis dahin jedoch nicht vorbereitet waren. In Deutschland dauerte es noch bis in die 2000er Jahre, bis die Universitäten auf diese veränderte Situation reagierten.

“Public History füllt eine Nische aus”

L.I.S.A.: Wie bewerten Sie den Status der Public History innerhalb der Geschichtswissenschaft? Kann die Disziplin im deutschsprachigen Raum gar als etabliert gelten oder steht sie vielmehr hinter der „klassischen“ Geschichtswissenschaft zurück?

Dr. Zündorf / Prof. Lücke: Aus unserer Sicht ist die Public History in der Geschichtswissenschaft angekommen. Sie füllt eine Nische aus, die bislang vernachlässigt wurde. Indizienbeweise dafür sehen wir in den neuen Studiengängen in Berlin, Köln und Bochum, aber auch den verschiedenen einzelnen Seminarangeboten zu Themen der Public History im Rahmen von allgemeinen Geschichtsmastern und den diversen Professuren, die Public History mit im Namen führen. Sie steht nicht hinter der klassischen Geschichtswissenschaft zurück, sondern baut auf dieser auf und ergänzt sie. Public History kann nicht ohne die klassische Geschichtswissenschaft existieren, bietet aber darüber hinaus einen breiteren Blick, untersucht verstärkt „neue“ Quellen und entwickelt dafür weitere Methoden bzw. arbeitet methodisch stärker auch mit anderen Disziplinen zusammen. Dabei kann sie sich auch oft an die Theorie- und Methodendiskussionen der Geschichtsdidaktik andocken oder zumindest davon profitieren, denn auch hier geht es um Geschichte in der Öffentlichkeit und um Geschichtskultur.

“Entsprechende Forschungen [können] nun auch ein eigenes Dach finden”

L.I.S.A.: Gibt es Debatten innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Disziplin, die erst durch das Forschungsfeld der Public History angestoßen wurden und werden? Und geht mit der Beschäftigung mit Public History gar ein reflektierterer Umgang mit der Geschichts- und Erinnerungskultur einher?

Dr. Zündorf / Prof. Lücke: Zumindest schärft die Public History den Blick dafür, dass die Ergebnisse fachhistorischer Forschung in der Öffentlichkeit kommuniziert und oft auch kontrovers diskutiert werden. Forschungsfragen der letzten Jahre, etwa zum Ersten Weltkrieg oder zur NS-Vergangenheit bundesdeutscher Ministerien, sind zwar nicht von der Public History an die fachhistorische Forschung herangetragen worden, aber doch von Anfang an in dem Bewusstsein entstanden, dass es sich dabei um Themen handelt, die in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen und dass die Öffentlichkeit ein großes Interesse an historischem Wissen zu diesen Themen hat. Dementsprechend wurde oftmals auch von Anfang an mitbedacht, wie solche öffentlichkeitsrelevanten Themen dann auch für ein breites, nicht-akademisches Publikum aufbereitet werden können. Daneben gibt es in den Geschichtswissenschaften ja schon seit vielen Jahren Projekte, in denen es etwa um ‚Vergangenheitsbewältigung‘ oder bestimmte Aspekte von Geschichts- und Erinnerungskultur geht. Wie sich unsere Gegenwart an den Nationalsozialismus erinnert oder warum bestimmte, nicht selten verklärende Formen des Wissens über die DDR im Gegenwartsdiskurs dominant sind – damit hat sich die Geschichtswissenschaft ja schon seit langer Zeit beschäftigt. Unter dem Label „Public History“ können entsprechende Forschungen nun auch ein eigenes Dach finden.

“Deutungsfragen über Geschichte”

L.I.S.A.: Welchen Wert wird Public History in Zukunft haben? Nimmt die Bedeutung der Beschäftigung mit Geschichte in der und für die Öffentlichkeit, wie Sie gleich zu Beginn Ihrer Publikation schreiben, zu?

Dr. Zündorf / Prof. Lücke: Natürlich steht der Public History eine glorreiche Zukunft bevor…nein, (leider) im Ernst: wir erleben doch gerade in diesen Tagen, dass Diskussionen um die Deutungshoheit im aktuellen politischen Diskurs auch immer mit Deutungsfragen über Geschichte verbunden sind. Public History kann uns dabei helfen, solche Debatten besser zu verstehen – und oft auch die dort verwendeten Argumente in ihrer Relevanz oder Beliebigkeit zu analysieren. Wer von christlich-jüdischen Wurzeln unserer Kultur spricht und dem Islam gleichzeitig eine historische Bedeutung hierzulande abspricht, verwendet Geschichte als bewusstes Machtmittel im Diskurs. Wer hingegen pauschal behauptet, Migration habe schon immer stattgefunden (und deshalb sei sie auch heute zu begrüßen), argumentiert hochgradig traditional – und verfolgt dabei eventuell eine ganz und gar untraditionale politische Agenda. Die Analysewerkzeuge der Public History werden also gebraucht, um an den Debatten unserer Gegenwart teilhaben zu können – und Geschichte als Argument in der Öffentlichkeit besser zu verstehen.

Dr. Irmgard Zündorf und Prof. Dr. Martin Lücke haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Quelle: https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de

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