Warum eine lebensfeindliche Kargheit faszinieren kann und wie man zu einem Wüsten- und Polarforscher wird, erfahren Sie in unserem utb Autoreninterview mit Wolf Dieter Blümel.

1. Herr Professor Blümel, können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal in der Wüste standen? Wie war das? Was ist so faszinierend an absoluter und sogar lebensfeindlicher Kargheit?

Mein erster Kontakt mit der (heißen) Wüste Namib im Juli 1974 war ausgesprochen frostig: Die Übernachtung unter freiem Himmel, bei -8 °C, in einem nur mäßig gefütterten Schlafsack war eine echte Probe für die „Wüstentauglichkeit“. Dafür entschädigte ein grandioser Sternenhimmel für das schlaflose Bibbern. Erlösung brachte ein zunehmend farbenfroher, wärmender Sonnenaufgang: Der Dünensand wechselte vom nächtlichen Grau zu glühendem Rot; von einer Minute auf die andere verwandelten sich die Farben und Konturen der Landschaftsformen. Es war einfach faszinierend, Teil des Schauspiels zu sein – das Wüsten-Virus ist seither nicht mehr gewichen.

 

2. Welches ist Ihre „Lieblingswüste“? Warum?

Es ist immer noch die südwestafrikanische Namib. Sie zeigt so zahlreiche landschaftliche Facetten von mitreißender Ästhetik und trotz extremer Trockenheit erstaunliche Lebensformen auf einer vergleichsweise kleinen Fläche. Die Namib bietet das nahezu komplette Spektrum der Wüstentypen – von den schwungvollen, riesigen Dünen der Sand-Namib über abweisende Steinwüsten bis hin zu den eintönigen Geröllflächen der Skelettküsten-Wüste. Als die älteste Wüste unseres Planeten stellt sie noch eine Reihe offener Fragen an die Naturforschung, macht also weiter neugierig.

 

3. Wird es aufgrund des Klimawandels in Zukunft noch mehr Wüsten geben als ohnehin schon? Sie geben in Ihrem Buch aktuell und wenn man die geringfügig feuchteren Halbwüsten dazu nimmt an, dass es sich bereits jetzt schon um 1/3 der Festlandfläche handelt…

Wolf Dieter Blümel /privat/

Wolf Dieter Blümel /privat/

Generell dehnten sich Wüsten unter einer kälteren Atmosphäre aus, wie z. B. in der letzten Eiszeit. Erwärmte sich in der Vergangenheit die Troposphäre durch natürlichen Klimawandel, schrumpften die Wüsten; Steppen, Savannen und Wälder erweiterten dagegen ihre Areale.

Es ist zu erwarten, dass mit einer nun anthropogenen Erwärmung der Atmosphäre sich die uns geläufigen Luftmassengrenzen und Druckgebilde verschieben werden, damit also auch die Niederschlag bringenden Windsysteme wie Monsun, Passat oder außertropische Tiefdruckgebiete. Da eine wärmere Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann, können auch manche Trockengebiete und Wüstenareale mit verstärkten Niederschlägen rechnen. Andererseits dürften feuchtere Regionen in der Zukunft verstärkt unter Hochdruckeinfluss geraten und damit unter abnehmenden Niederschlägen leiden. Nicht nur in den Trockengebieten wird die Variabilität des Klimas zunehmen (vermehrte Extremereignisse und Unregelmäßigkeiten).

 

4. Was kann abgesehen vom Klimawandel noch zu Desertifikation führen?

Der Begriff Desertifikation beschreibt Prozesse der anthropogenen Wüstenverursachung („man-made desert“). Durch starken Bevölkerungsdruck und damit verbundener Übernutzung z. B. von Steppen oder Trockensavannen (Überweidung, Vegetationszerstörung usw.) werden diese Ökosysteme durch Erosion und fehlende Bodenwasserspeicherung degradiert bis hin zu völligem Wüstencharakter. Das oft beschriebene aktuelle Wachstum der Wüsten geht in erster Linie auf den Einfluss des Menschen zurück, kaum auf Klimawandel.

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Bewertung: ✰✰✰✰✰
Kundenmeinung von B. Bergmann am 25.11.2015
Kompakte und umfassender Überblick, beschreibt anschaulich die verschiedenen Themen zum Oberbegriff Wüsten, mit guter Bebilderung. Nach meinem Kenntnisstand gibt es kein vergleichbares Grundlagenwerk (in deutscher Sprache), das die Themenbereiche und Aspekte so kompakt darstellt. Gute Ergänzung zu Spezialliteratur zu einzelnen Aspekten von Wüsten.

 

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