Welche Arten von Traumata gibt es? Woran kann der Fachmann erkennen, dass eine Traumatisierung vorliegt? Lesen Sie das neue utb-Interview mit den Experten Christiane Eichenberg  und Peter Zimmermann, Autoren des utb-Bandes “Einführung in die Psychotraumatologie”.

1. Welche Arten von Traumata gibt es?

Zunächst: es gibt unterschiedliche traumatischen Ereignissen wie z.B. erlebte körperliche und sexualisierte Gewalt, gewalttätige Angriffe auf die eigene Person, Entführung, Geiselnahme, Terroranschlag, Krieg, politische Haft, Folterung, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit. Diese verschiedenen traumatischen Situationstypen werden grob in sog. man-made-disaster und natural-disaster unterteilt. Eine weitere Unterscheidung betrifft den Aspekt der Art der traumatischen Erfahrung. So ist ein Monotrauma ein einmaliges belastendes Ereignis, z.B. eine sexuelle Gewalttat oder eine Verkehrsunfall. Komplexe Traumatisierungen sind fortgesetzte seelische und evtl. auch körperliche Verletzungen, die oft bereits in frühen Lebensjahren beginnen, wie Misshandlungen oder Vernachlässigung. Solche Traumatisierungen werden auch als Beziehungstraumata bezeichnet. Und unter kumulativer Traumatisierung versteht man eine Traumatisierung in einzelnen Schritten, deren jeder für sich subtraumatisch verbleiben würde. Die einsetzende Erholungsphase wird jedoch jedes Mal durch erneute Ereignisse gestört und somit auf Dauer das psychische System zum Zusammenbruch gebracht.

2. Woran lässt sich erkennen, dass eine Traumatisierung vorliegt?

Als typischen Symptome, die als charakteristisch für Reaktionen auf traumatische Erlebnisse betrachtet werden, sind: ungewolltes Wiedererleben von Aspekten des Traumas, z.B. in Form von „Flashbacks“ oder Albträumen; Anzeichen einer erhöhten Erregung, z.B. Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen; Vermeidung von Situationen, Gesprächen und anderen Reizen, die an das Trauma erinnern. Hinzu kommt emotionale Taubheit, die sich in Interessenlosigkeit oder Entfremdung von anderen Menschen ausdrücken kann. Darüber hinaus können aber auch eine Vielzahl weitere Symptome auftreten, die sich als Folge auf das traumatische Ereignis entwickeln.

3. Zu welchen Folgeerkrankungen kann ein traumatisches Erlebnis führen?

Ein traumatisches Ereignis kann zu Traumafolgestörungen führen, muss aber nicht. Es hängt von dem Verhältnis der Risiko- und Schutzfaktoren der einzelnen Person ab, ob sich eine solche Störung entwickelt oder nicht. Insgesamt ist das Spektrum von Traumafolgestörungen breit. Es gibt nicht nur die Posttraumatische Belastungsstörung, wie landläufig häufig angenommen wird, sondern es können sich auch Anpassungsstörungen, psychosomatische Erkrankungen, Suchterkrankungen, Angststörungen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen (z.B. Borderline-Persönlichkeitsstörung oder die „andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung“) entwickeln.

4. Wie gehe ich als Therapeut mit traumatisierten Menschen um?

Der therapeutische Umgang mit traumatisierten Menschen hat sich in den letzten Jahren ganz besonders gut ausdifferenziert. Es sind eine Reihe von Ansätzen entstanden und evaluiert worden, durch die sich Therapeuten sehr spezifisch auf die Bedürfnisse ihrer Patienten einrichten können. Im Kern haben aber alle Verfahren gemeinsam, dass nach einer Phase der Stabilisierung eine Konfrontation mit den Trauma-wertigen Erinnerungen notwendig und heilsam ist. Um entsprechende Techniken zu lernen, sind Zusatzausbildungen über die eigentliche Psychotherapieausbildung hinaus erforderlich. Bei einer fachlich fundierten Anwendung haben traumatherapeutische Verfahren ausgesprochen hohe Erfolgsquoten.

5. Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Die heute gebräuchlichen Behandlungsmethoden für psychische Traumatisierungen sind aus verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologischen Verfahren hervorgegangen. Beide große Schulen haben traumatherapeutische Konzeptionen entwickelt. In den derzeit gültigen Leitlinien werden vor allem die kognitiv-behaviorale Therapie, die EMDR- Therapie (Eye movement desensitization and reprocessing) und Prolonged Exposure empfohlen. Für alle drei liegen überzeugende Wirksamkeitsnachweise vor. Im Regelfall werden diese, vor allem in stationären Settings, durch vielfältige komplementäre Ansätze sinnvoll ergänzt.

6. Welche Nebenwirkungen können unter der Therapie auftreten?

Auch wenn traumatherapeutische Behandlungsverfahren inzwischen wissenschaftlich sehr gut untersucht sind, wobei sich eine hohe therapeutische Wirkstärke gezeigt hat, ist auch bei erfahrenen Therapeuten mit Nebenwirkungen zu rechnen. Vor allem eine Überforderung des Patienten durch unkontrollierbare Trauma-Erinnerungen kann sich nachteilig auswirken. Daher ist eine sorgfältige vorherige Stabilisierung der psychischen Situation notwendig. Es kann aber auch zu positiven Nebenwirkungen im Sinne eines posttraumatischen Wachstums kommen. Diese werden vom Patienten dann im allgemeinen als bereichernd erlebt.

Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Christiane Eichenberg, Dipl.-Psych., Psychotherapeutin (Psychoanalyse), Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Fakultät für Medizin der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, lehrt und forscht zu Psychotraumatologie, E-Mental Health und Psychotherapie.

Dr. Peter Zimmermann ist Fachdidaktiker für Philosophie am Zentrum für Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Universität Freiburg.

Autor

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Kundenmeinung
von Jacqueline Alteköster
Dieses Exemplar hat mich voll überzeugt. Durch die klare Gliederung hinsichtlich des Aufbaus und der einzelnen Unterthemen bekommt der Leser einen direkten Zugang in das kompakte Themenfeld der Psychotraumatologie. Nach einer allgemeinen Darstellung einzelner theoretischer Erläuterungen gehen die Autoren auf spezifische Ansätze der Diagnostik und Behandlung ein. Durch einen Verweis auf Primärliteratur kann der Leser bei Interesse vertiefende Quellen in Anspruch nehmen.
Diesem Werk ist es gelungen, einen einfachen Blick auf komplexe Inhalte zu gestalten und erscheint insbesondere für mich als Fachkraft der Sozialen Arbeit als Arbeitserleichterung.


Kundenmeinung
von Sabrina Schäfer
Ich bin regelmäßige Testleserin und habe mich dieses Mal für dieses Buch entschieden. Ohne direkte Verbindung zum Thema wollte ich mich vom Inhalt überraschen lassen. Glücklicherweise kann auch ich als Lehrerin etwas mit diesem Exemplar anfangen.
Einige der Themen zur Erkennung von Symptomen waren mir sogar durch mein Studium bekannt (Freund, Neurologische Voraussetzungen,…). Traumatisierungen im spezifischen Kontext können uns im Alltag immer mehr begegnen – nicht nur Mobbing tritt durch mediale Erscheinungen immer häufiger auf, auch die Flüchtlingskinder tragen weitreichende Traumata mit in den Schulalltag. Ich erhebe natürlich nicht den Anspruch durch die Rezeption dieses Werkes meine Kinder “behandeln” zu können. Dennoch kann ich sensibler auf ihre Bedürfnisse reagieren und mich in der im Buch behandelten Gesprächsführung üben.
Tolles Werk! Wie immer gut aufgebaut: Vermerke am Rand untergliedern die Textabschnitte, Defintionen und allgemeine Erklärungen werden sichtbar gemacht und der Schreibstil is so verfasst, dass ihn jeder auf Anhieb verstehen kann.

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