Was ist molekulare Biogeographie? Welchen Nutzen bringt sie uns hinsichtlich geplanter Naturschutzvorhaben? Unser Autor und Experte Prof. Dr. Thomas Schmitt, Autor des utb-Bandes „Molekulare Biogeographie“ hat diese und weitere Fragen in unserem Experteninterview beantwortet.

1. Können Sie in einfachen Worten erklären, was molekulare Biogeographie ist?
TS: Verbreitungen von Tieren und Pflanzen sind in der Zeit sehr dynamisch. Diese Dynamik zu verstehen ist ein wichtiger Forschungsgegenstand der Biogeographie. Molekulare Methoden sind ein sehr gutes „Werkzeug“, um diese Fragen anzugehen. Wird Biogeographie mit molekularen Methoden betrieben, so wird dies „molekulare Biogeographie“ genannt.

2. Hat die molekulare Biogeographie gegenüber der klassischen Biogeographie einen Vorteil und wenn ja, welchen?
TS: Ich würde keinen Dualismus zwischen klassischer und molekularer Biogeographie sehen. Molekulare Biogeographie ist für mich ein elementarer Bestandteil der Biogeographie. Molekulare Methoden haben jedoch gegenüber vielen klassischen Verfahren den Vorteil, dass man eine sehr große Menge an Informationen sammeln kann, die oft diejenige von anderen Methoden weit übersteigt. Auch gibt es sehr gute statistische Verfahren, mit denen diese Daten ausgewertet werden können. Die Nutzung von molekularen Analysen hat deshalb das Verständnis der Biogeographie in den letzten wenigen Jahrzehnten revolutioniert und ist aus dieser Forschungsrichtung nicht mehr wegzudenken.

3. Für Ihr Buch haben Sie existierende Daten von überall auf der Welt gesichtet und aufgearbeitet. Auf welche Schwierigkeiten sind Sie dabei gestoßen?
TS: Die Literaturdatenbanken sind da schon eine sehr große Hilfe, den Überblick zu bekommen. Auch die schnelle elektronische Verfügbarkeit war sehr wichtig für mich. Ohne diese Hilfsmittel wäre ein Werk wie das vorliegende nicht denkbar. Diese große Menge an Informationen in ein konsistentes Ganzes zu komprimieren und zu vereinfachen, dabei aber trotzdem nicht zu sehr zu simplifizieren, war jedoch eine große Herausforderung!

4. Welchen Nutzen kann die molekulare Biogeographie im Hinblick auf geplante Naturschutzvorhaben bieten?
TS: Durch die molekulare Biogeographie können wir Regionen herausarbeiten, die für den Erhalt der genetischen Vielfalt in den Arten von besonderer Bedeutung sind. Auch können solche Regionen bestimmt werden, die über eine herausragende genetische Vielfalt verfügen. Hierdurch kann man die Ausweisung von Schutzgebieten zielgenauer planen und durchführen, um hierdurch einen großmöglichen Effekt zu erzielen.

5. Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Phylogeographie von Arten aus?
TS: Der Klimawandel führt dazu, dass sich Verbreitungsgebiete verschieben, in Richtung der Pole oder in höhere Bereiche der Gebirge. Es gehen also auf der einen Seite Teile des Verbreitungsgebietes verloren, auf der anderen werden oft neue gewonnen. Das Problem liegt jedoch darin, dass sich oftmals in den Verlustgebieten phylogeographisch besonders wertvolle Populationen mit hoher genetischer Diversität und alten genetischen Linien befinden. Die neu gewonnenen Gebiete besitzen jedoch naturschutzfachlich oft wenig relevante Populationen. Somit befinden wir uns in einem durch den Klimawandel getriebenen Verarmungsprozess der innerartlichen Diversität.

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Prof. Dr. Thomas Schmitt ist Direktor des Deutschen Entomologischen Instituts Müncheberg der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) und lehrt am Institut für Biologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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