Der utb-Autor und Professor für Gesundheits- und Ernährungspsychologie Christoph Klotter sprach mit der Augsburger Allgemeinen über den Zusammenhang von Essen, Ideologie und Individualisierung.

Klotter spricht davon, dass ein Indentitätsmarker für Menschen früher zum Beispiel die politische Einstellung war, heutzutage wäre die Hoffnung da, dass das Essen eine Identität bieten könnte. Man würde fantasieren, dass die richtige Ernährung zur Unsterblichkeit führt. Man möchte glauben, dass man sich über die Ernährung kontrollieren und perfekt formen kann. Aber so würde das nicht funktionieren.

Die Ernährung ist also zur Ideologie geworden. In Berlin könne man stark beobachten, wie sich Gruppen bilden. Es gebe Veganer-Wohngemeinschaften, die nur ihresgleichen aufnehmen. Zwischen den Anhängern verschiedener Ernährungsformen werden im Netz regelrecht Kriege ausgetragen. Veganer würden sich moralisch besser fühlen als Vegetarier. Vegetarier moralisch besser als Fleischesser. Politische Ideologien wären aufgebraucht und deshalb würden sich die Menschen andere Felder suchen, die man ideologisch aufladen kann.

Den Vegetarismus und Veganismus hätte uns dabei die Lebensmittelindustrie beschert: sie sind Resultat des Überflusses. Derzeit habe man zwischen 170.000 Lebensmittelprodukten die Wahl und erst dieser Überfluss ermögliche überhaupt eine Entscheidung.

Oft wäre der Gedanke hinter diesen Ernährungsformen auch einfach das Streben nach Individualität und das Befolgen von Modetrends. So könnten Ärzte bei nur 10-20% aus 100 Menschen, die behaupten eine Unverträglichkeit oder eine Allergie zu haben, auch tatsächlich eine feststellen. Dies geschehe aus dem Grund, dass Personen glauben, sie könnten sich so als besonderen Menschen kreieren. Essen werde benutzt, um einzigartiger zu werden.

Auch Kinder würden sich solche Eigenheiten von ihren Eltern abgucken, denn diese fungieren schließlich als die nächsten Vorbilder. Aus diesem Grund wäre die Menüplanung in Kitas sehr schwer geworden.

Klotter stellt sich aber gegen Überzeugungen es gebe eine einzig wahre „gesunde Ernährung“ und das man diesen Begriff eigentlich auch gleich fallen lassen könnten, denn niemand würde wissen, was wirklich gesund ist. Jeder Mensch reagiere unterschiedlich und so seien Ernährungsempfehlungen, die für die ganze Bevölkerung gelten sollen, sinnlos und würden neuen Forschungsergebnissen nicht standhalten. Dass ungesättigte Fettsäuren so gesund seien, hätte sich nicht bestätigt. Dass der hohe Verzehr von gesättigten Fettsäuren die Herzinfarktrate steigere, hätte sich nicht bestätigt. So würden Dinge, die für ein paar Jahre als Ernährungsregeln gelten, auch schnell wieder überholt werden. Aber es gebe wenige grundlegende Aussagen wie „viel Gemüse ist gut“.

Man solle also nicht mehr versuchen allgemeingültige Empfehlungen festzulegen, sondern die richtige Ernährung für einen selbst herausarbeiten.

Quelle: www.augsburger-allgemeine.de

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