Die „Theologie des Alten Testaments“ von Michaela Bauks zeichnet zwei Stärken im Besonderen aus: die überzeugende Konzeption und die intensive und weithin plausible religionsgeschichtliche Kontextualisierung der alttestamentlichen Traditionen. Die Konzeption orientiert sich an den von Paul Ricoeur herausgestellten fünf Offenbarungsweisen (prophetisches Wort, Erzählung, Weisung, Gebet, Weisheit). Sie werden in dem einführenden ersten Teil nach einem kurzen Überblick über die Geschichte der Disziplin der Theologie des Alten Testaments sowie der Verhältnisbestimmung von Theologie und Religionsgeschichte sowie von literarischen Zeugnissen einerseits und archäologischen, ikonographischen und epigraphischen Zeugnissen andererseits als hermeneutischer Bezugsrahmen vorgestellt. Der Hauptteil umfasst die Darstellung der unterschiedlichen Offenbarungen im Alten Testament (Gottes Namen; als Erzählungen werden jeweils eigens behandelt der Exodusmythos, die Erzelternerzählungen und die Schöpfung; Bund und Weisung; prophetische Literatur; im Psalter das Gebet als Lob und Klage; die Weisheit) und eine Skizze der Religionsgeschichte des alten Israel und Frühjudentums („Theologische Strömungen in der hebräischen Bibel“). Im dritten Teil werden einige zentrale Themen des Alten Testaments zusammengefasst (Monotheismus; Bilderverbot; Gottesname; Königtum und Eschatologie; die sehr unterschiedlichen Aspekte des Landes, des Gottesdienstes und Opferverständnisses sowie der Klage und Theodizee unter der Überschrift „Israels Geschick“; hermeneutische Reflexionen zu Kanon, Biblischer Theologie und Gottes Wort in der Schrift).
Der große Gewinn dieser Konzeption liegt darin, dass somit nicht eine Offenbarungsweise (sei es die Erzählung wie bei G. von Rad oder das prophetische Wort wie bei W. Zimmerli) den Vorrang erhält, sondern der besondere Beitrag der jeweiligen Sprachform für eine Theologie des Alten Testaments konzeptionell gewürdigt wird. Leider geht diese Stärke zum Teil auf Kosten der einzelnen Themen. Diese könnten eigentlich im dritten Hauptteil eine angemessene Darstellung finden. Einige werden jedoch bereits unter den Offenbarungsweisen verhandelt (alle Aspekte der Bundestheologie einschließlich des Davidbundes unter Offenbarung am Sinai!; alle Aspekte der Schöpfungstheologie einschließlich doxologische und gerichtsdoxologische unter Offenbarung in der Schöpfung), so dass einige Themen zerstreut (z.B. Königtum JHWHs, Weltbild, Anthropologie) bzw. an überraschenden Orten (Davidbund am Sinai) begegnen und eine systematisierende respektive priorisierende Darstellung alttestamentlicher Themen ausbleibt.
Für den Einsatz in der Lehre ist zunächst positiv hervorzuheben, dass zentrale Texte des Alten Testaments sowie der Umwelt um Buch in Übersetzung bzw. in Zusammenfassung enthalten sind. Überhaupt ist die Würdigung des religionsgeschichtlichen Kontexts eine große Stärke des Buches. Für ein Selbststudium sind jedoch viele Gedanken so knapp, dass das Buch eher als Zusammenfassung hilfreich ist, die eine intensivere vorherige Beschäftigung voraussetzt. Bemerkt sei auch, dass die Debatten vielfach kontroverser sind, als es das Lehrbuch nahelegt.
In summa:
Ein in mehrerer Hinsicht hilfreiches Lehrbuch, das v.a. wegen seiner Grundkonzeption (Ricoeur’s 5 Offenbarungsweisen) und der ausführlichen Berücksichtigung des religionsgeschichtlichen Kontexts zu empfehlen ist. Die Praxisorientierung ist erkennbar an der Wiedergabe zentraler Texte des Alten Testaments in deutscher Übersetzung sowie den Anhängen zum Alten Testament im Religionsunterricht und in den Predigtperikopen. Da manche Ausführungen jedoch sehr knapp gehalten sind, ist das Lehrbuch für das Selbststudium eher Ausgangspunkt oder Zusammenfassung; eine Einbettung in weiterführende Lehrveranstaltungen ist empfehlenswert.

Prof. Dr. Torsten Uhlig, Juli 2019

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