Können wir uns eine Welt ohne Smartphone, E-Mail und iPod überhaupt noch vorstellen? Über ein Leben, in dem man nicht jeden Tag satt wurde, ein Deutschland, das in Trümmern lag, und über unbewältigte Kriegstraumata sprechen wir mit Jörg Echternkamp in unserem utb-Autoreninterview.

1. Herr Dr. Echternkamp, was hat unser Leben heute noch mit dem direkt nach dem Krieg zu tun?

Auf den ersten Blick sind der Zweite Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit weit weg, zumal diese Jahre heute in der Erinnerung rasch von der politischen Wende 1989/90 überlagert werden. Das Ende der deutschen Teilung lässt sich auch als das späte Ende der Nachkriegszeit verstehen. Wer jedoch genauer hinschaut, dem entgeht die Langzeitwirkung von Krieg und Nachkriegszeit nicht: Erst in den letzten Jahren hat sich die Generation der “Kriegskinder” zu Wort gemeldet, wurden ihre Erfahrungen des Bombenkrieg, der Evakuierung und Lebensmittelknappheit ebenso zu medientauglichen Themen wie Flucht und Vertreibung. Ging es seit den 1960er und 70er Jahren vor allem um die Opfer der Deutschen, stehen nun die Deutschen als Opfer häufig im Mittelpunkt – diese erinnerungsgeschichtliche Entwicklung hält die Vergangenheit der 40er Jahre gegenwärtig.

2. Wie lange dauerte es, bis in Deutschland nach dem Krieg wieder so etwas wie Normalität herrschte?

Jörg Echternkamp /privat/

Jörg Echternkamp /privat/

Einerseits stellte sich ein halbwegs “normaler” Alltag im Rückblick verblüffend schnell ein. Das gilt für die vom Krieg weniger betroffenen ländlichen Gebiete, trifft aber auch für die Städter zu. Nach nichts hatten sich die Menschen schließlich mehr gesehnt, als den Ausnahmezustand Krieg zu beenden und zu einem geregelten, im wahrsten Sinne des Wortes ruhigen Leben zurückzukehren. Die Stabilisierung der politischen Verhältnisse in den Fünfziger Jahren und der rasante wirtschaftliche Aufschwung sorgten für eine neue Normalität, zu der auch der Ausflug ins Grüne mit dem eigenen Auto gehörte – wie das Bild auf dem Cover meines Buches signalisieren soll. Andererseits sollte es je nach dem Grad der Betroffenheit Jahre und Jahrzehnte dauern, bis Menschen aus der Not in die Normalität zurückkehren konnten. Denken Sie an die Ausgebombten, die Flüchtlinge, die Kriegsgefangenen. Für viele NS-Opfer dagegen kam spätestens der Anfang des Krieges dem Ende der Normalität gleich. “Normalität” wurde nach dem Zivilisationsbruch zum Fremdwort.

3. Was waren die größten Unterschiede zwischen den Besatzungszonen?

Der folgenreichste Unterschied ist sicher ein politischer: Während die Alliierten in der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszone nach und nach eine demokratische Staats- und Gesellschaftsordnung im “westlichen” Verständnis errichteten, folgte die sowjetische Besatzungsmacht in Ostdeutschland dem sozialistischen Modell der Sowjetunion. In wirtschaftlicher Hinsicht litt die SBZ stärker unter den Reparationen in Form von Sach- und Materialleistungen an die UdSSR, während der Westen von dem Wiederaufbauprogramm der USA, dem Marschallplan, profitierte.

4. Lassen sich die vielfältigen Nöte der Nachkriegszeit heute wirklich noch erinnern?

Der Kontrast zwischen der globalisierten Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts und der deutschen “Trümmergesellschaft” vor über 60 Jahren könnte kaum größer sein. Wer sich ein Leben ohne iPod, E-Mail und Smartphone nicht vorstellen mag, dem wird der Gedanke an Lebensmittelrationen, ein Leben in Blechhütten oder Spielen in Häuserruinen schwer fallen. Zudem bringt es der Generationenwechsel mit sich, dass in der Familien kaum noch jemand von Krieg und Nachkrieg aus eigener Anschauung erzählen kann – sie verschwinden aus dem “kommunikativen Gedächtnis”. Doch zugleich sind die frühen Nachkriegsjahre im “kulturellen Gedächtnis” präsent, das die Medien bereithalten. In der Form eines Dokudramas rückte beispielsweise der Film “Hungerwinter” 2009 die Not der Deutschen zwischen Herbst 1946 und Frühjahr 1947 anhand von Einzelschicksalen in den Mittelpunkt. Oder denken Sie an die Doku-Serie der ARD “Unsere 50er Jahre” (2005), die viele Zuschauer mit auf eine Zeitreise in die (eigene) Vergangenheit nahm, zwischen Kriegsende und Mauerbau.

5. Heute gilt Depression als Volkskrankheit, Plätze für eine Psychotherapie sind rar und Wartelisten lang. Was für Auswirkungen hatten die vielfältigen und unbehandelten Kriegstraumata damals?

Der Krieg traumatisierte Soldaten und Zivilisten: durch die massenhafte Erfahrung von Tod, Zerstörung und Vergewaltigung vor allem. Die betroffene Person kann dabei selbst außergewöhnliche Gewalt erleiden oder Zeuge katastrophaler Umstände sein. Scheinbar harmlose Gegenstände oder Geräusche lösten panische Angst aus; schon nach dem Ersten Weltkrieg sprach man von den “Kriegszitterern”. Psychologen und Historiker diskutieren heute nicht zuletzt die Frage, inwieweit sich die historischen Erfahrungen der Eltern auf ihre Kinder und Enkel ausgewirkt haben. Wie weit reichte das Kriegstrauma über die Generationen hinweg? Kriegsbelastete Kinder werden im Alter, nach dem Ende der Berufstätigkeit, von unbewältigten Traumata gequält. Diese psychologische Dimension des Krieges ist wegen der Auslandseinsätze der Bundeswehr auch in Deutschland wieder aktuell.

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