4 aktuelle Fragen in der Corona-Krise an Prof. Dr. Michael von Hauff,
Autor des Buches „Nachhaltige Entwicklungspolitik“.

UVK: Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Michael von Hauff: Ich habe bei vielen Vorträgen und Seminaren auch über Entschleunigung unseres (Arbeits-)Lebens gesprochen. Natürlich ist die augenblickliche „Zwangsentschleunigung“ eine sehr spezielle Situation. – Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich interessante Publikationen abschließen möchte, und die Vorbereitung einer internationalen Konferenz im Herbst steht an, für die ich nun deutlich mehr Zeit habe: zugesagte Vorträge und Besprechungen fallen aus. Dadurch fehlen mir aber auch, wie vielen anderen, soziale Kontakte zu Menschen, mit denen ich gerne zusammen komme und diskutiere bzw. ein Glas Wein trinke. Das Vermissen dieser sozialen Kontakte ist eine neue und ganz wichtige Erfahrung.

UVK: Was ist die gravierendste Veränderung für nachhaltige Entwicklung hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Verbreitung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Michael von Hauff: Es gibt in breiten Teilen der Gesellschaft schon lange das Gefühl: so kann es nicht weiter gehen. Gemeint sind der Klimawandel, der Rückgang der Biodiversität und andere Belastungen der Umwelt. Das gilt aber auch für die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Lebenschancen. Aber auch die Frage: was bringt uns die Digitalisierung löst nicht nur Euphorie aus, sondern erzeugt z.B. Ängste um den Arbeitsplatz. Aber auch die Frage, ob man alle Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, noch meistern kann erzeugt bei vielen Menschen ein Unbehagen. Es wäre zu wünschen, dass die Corona-Krise das Bewusstsein für notwendige Veränderungen stärkt. Dazu zeigt uns das Paradigma der nachhaltigen Entwicklung, d.h. die Zusammenführung von Umwelt, Wirtschaft und des Sozialen, d.h. gesellschaftlicher Anliegen viele Möglichkeiten auf. Viele Menschen in der Bevölkerung denken jetzt nach und das ist eine Chance für nachhaltige Entwicklung.

UVK: Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich nachhaltige Entwicklung durch die Pandemie dauerhaft weiter entwickeln wird?

Michael von Hauff: Das Gefühl, wir sind eine Gesellschaft und wir gehören zusammen, ist für viele Menschen in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße verloren gegangen. Das Gefühl, wir sind eigentlich nicht füreinander verantwortlich, hat für viele Menschen zugenommen. Die Corona-Krise zeigt uns aber deutlich, jeder kann infiziert werden. Da werden wir plötzlich alle gleich und wir sind dann auf Hilfe angewiesen. Man kann sich nicht freikaufen und auch andere Privilegien helfen kaum weiter. Natürlich haben wir unterschiedlich viel Wohnraum, was gerade jetzt zu einem Privileg werden kann. Aber wir leiden alle darunter, dass wir Verwandte und Freunde nur in Ausnahmesituationen treffen können. Wir nehmen plötzlich wahr, dass Pflegepersonal, Krankenschwestern und Ärzte die Kranken mit großer Fürsorge bis zur Belastungsgrenze betreuen. Verkäuferinnen und Verkäufer und andere Berufsgruppen, die oft gering bezahlt werden, tun alles für uns. Es ist zu wünschen, dass diese Erfahrungen der Fürsorge und Solidarität, die eine Gesellschaft stärken und zusammenhalten, einen Schub geben wird.

UVK: Gehen Sie in Ihren Publikationen, auch wenn Sie diese vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Michael von Hauff: Solidarität, Gerechtigkeit in der heute lebenden Generation und Gerechtigkeit für zukünftige Generationen, damit sie ihre Bedürfnisse in gleichem Maße befriedigen können wie wir heute, sind ganz wichtige Maxime nachhaltiger Entwicklung. Hinzu kommt, dass wir eine langfristige Stabilität der Wirtschaft brauchen, die innerhalb der planetaren bzw. ökologischen Grenzen eingeordnet ist. Und schließlich fordert das Nachhaltigkeitsziel (SDG) 3 der Agenda 2030 „Gesundheit und Wohlergehen“ für alle Menschen. Daher sollte das Gesundheitswesen auf zukünftige Risiken wie die Corona-Pandemie vorbereitet sein diese bewältigen können.
Quelle: uvk

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