4 aktuelle Fragen in der Corona-Krise an Prof. Dr. Elisabeth Göbel,
Autorin des Buches „Unternehmensethik“.

UVK: Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?
Elisabeth Göbel: In meiner Rolle als Autorin nicht so sehr, da ich dabei schon immer überwiegend „Homeoffice“ gemacht habe. Bei meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten als Geschäftsführerin von zwei Vereinen gibt es schon die Veränderung, dass viele Absprachen über Telefon oder soziale Medien laufen und die direkten Kontakte eingeschränkt sind. Das Krisenmanagement in diesen Vereinen nimmt zurzeit viel Raum ein. Kontakte mit Studierenden finden natürlich kaum statt.

UVK: Gibt es Veränderungen für Unternehmen hinsichtlich ihrer ethischen Verantwortung durch die Corona-Krise?
Elisabeth Göbel: Ich sehe im Moment eine bemerkenswerte Veränderung in der Werteskala. Es herrscht auf einmal breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens, dass Leben und körperliche Unversehrtheit der Menschen höher zu bewerten sind als Gewinn, Wohlstand und Arbeitsplätze. Gravierende negative wirtschaftliche Folgen werden in Kauf genommen, aus Solidarität mit den Menschen, die durch das Virus besonders gefährdet sind. Die immer schon stattfindende Güterabwägung zwischen den wirtschaftlichen und den humanen Interessen, zwischen dem Gemeinwohl und dem Wohl einzelner Wirtschaftsakteure tritt offener zu Tage. Und es wird deutlich, dass in der Vergangenheit wohl zu oft mit angeblichen Sachzwängen die humanen Interessen und das Gemeinwohl hintangestellt wurden. Man denke nur an den Klimawandel, der ja nach wie vor die ganze Menschheit bedroht. In der Klimadebatte wurden und werden zum Schutz wirtschaftlicher Interessen immer noch einschneidende Maßnahmen verzögert, verwässert oder ganz abgelehnt. Vielleicht lehrt uns die Corona-Krise ja, dass viel mehr möglich ist.

UVK: Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich die unternehmensethische Diskussion durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?
Elisabeth Göbel: Die negativen Folgen einer Ökonomisierung der gesamten Lebenswelt werden im Moment sehr deutlich. Eine nur am Gewinn orientierte Marktwirtschaft führt nicht automatisch in allen Bereichen zu einer bestmöglichen Versorgung der Menschen. Besonders klar zeigen sich die Schwächen der „unsichtbaren Hand“ des Marktes im Gesundheitswesen. Es muss bspw. auch „unwirtschaftliche“ Ressourcen in Krankenhäusern geben, damit sie flexibel genug bleiben. Die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten sicherzustellen, darf nicht allein dem Gewinninteresse privatwirtschaftlicher Akteure überlassen bleiben. Wenn die knapp werdende Schutzkleidung auf einmal zu horrenden Preisen angeboten wird – was ja der Logik des Marktes entspricht -, dann sorgt das bei vielen Menschen für Empörung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Idee der „sozialen Marktwirtschaft“, welche dem Staat eine starke ordnungspolitische Rolle zuschreibt, wiederbelebt wird.

UVK: Gehen Sie in Ihrem Buch „Unternehmensethik“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?
Elisabeth Göbel: Nützlich finde ich die grundsätzliche Idee, dass Unternehmen in einer Marktwirtschaft ihrer sozialen Verantwortung nicht allein über die Gewinnmaximierung gerecht werden. Wenn die Politik jetzt feststellt, dass es „zynisch“ sei, Menschenleben den Gewinninteressen zu opfern, so galt das selbstverständlich auch schon vor Corona und gilt weiter nach Corona. Nur haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt, dass wir die Bedrohung von Leben und Gesundheit vieler Menschen als Kollateralschaden einer florierenden Wirtschaft hinnehmen. Die Diskussion um die Unternehmensethik verdeutlicht, dass auch Unternehmen ständig eine Güterabwägung vornehmen müssen bei ihren Entscheidungen.

Quelle: uvk

Zum Buch Unternehmensethik im utb-shop »

Getagged mit
 
#commentform .comment-form-url { display: none; }