4 aktuelle Fragen in der Corona-Krise an Dr. Bernd Blessin, Autor des Buches Führen und führen lassen.

UVK: Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Bernd Blessin: In meiner Tätigkeit als Leiter Personal und Organisation, Recht und Compliance (CCO) eines mittelständischen Versicherungsunternehmens sowie als Mitglied des Notfallteams bin ich aktuell doppelt gefordert. Neben der Aufrechterhaltung der operativen Arbeit in beiden Bereichen gilt es nun auch, diese Krise für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unser Unternehmen bestmöglich zu organisieren und zu gestalten oder ganz neue Lösungswege zu finden.
„Arbeitsalltag“ ist passé! Die Veränderungen sind massiv und kommen fast stündlich. Das bedeutet: Entscheidungen von heute sind morgen vielleicht schon wieder obsolet und müssen neu getroffen werden.

UVK: Was ist die gravierendste Veränderung für Führungskräfte hinsichtlich ihrer Aufgaben und Herausforderungen durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Bernd Blessin: An zwei Beispielen aus meinem Unternehmen will ich die aktuellen Veränderungen schlaglichtartig deutlich machen: Führungsbeziehungen bzw. Entscheidungsprozesse.

Gelebte Führungsbeziehungen mussten innerhalb weniger Wochen, wenn nicht gar Tagen, neu definiert werden. Als zentral organisiertes Unternehmen hat jede(r) einen Büroarbeitsplatz. Jetzt galt es für die Führungskräfte, möglichst rasch alle Mitarbeiter*innen Home Office-fähig zu machen: Also die notwendige Ausstattung besorgen und einsatzfähig machen, die Mitarbeiter*innen mit der neuen Situation vertraut machen und die Arbeitsprozesse -wo notwendig- entsprechend anpassen. Die Führungsbeziehung wechselte von „face-to-face“ auf „remote“. Damit verändern sich Rücksprachen und Meetings, aber auch ad-hoc-Treffen auf dem Flur oder am Kaffeeautomat. Was in anderen Unternehmen vielleicht schon geübte Praxis sein mag (er)finden wir für uns gerade neu, wie etwa extensive Videochats oder Telkos oder eben virtuelle Teammeetings und Kaffeepausen. Verändern wird sich dadurch auch das Vertrauensverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*innen sowie der Anspruch an selbständiges und eigenverantwortliches arbeiten.

Natürlich verändern sich dadurch auch Entscheidungsprozesse. Der kurze Weg über den Flur, der direkte persönliche Austausch bilateral oder im Team muss nun technisch überbrückt werden. Das geht selbstverständlich, braucht aber noch Übung. Auch werden Entscheidungen massiv durch die Krise beeinflusst. Was heute klar und eindeutig war, muss morgen vielleicht korrigiert werden. Das fordert viel Verständnis und eine hohe Fehlertoleranz. Beides hat sich bei und schlagartig verbessert, inkl. mehr miteinander und füreinander. Und es gibt plötzlich eine weitere Instanz, das Notfallteam. Dieses ist mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet und kann für alle im Unternehmen bindende Entscheidungen treffen. Manche erleben dies als Entmachtung, anderen gibt dies Sicherheit und Orientierung.

UVK: Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Führung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Bernd Blessin: Führung hat sich schon immer verändert und wird sich auch weiter verändern. In der Diskussion der letzten Jahre war der Fokus m.E. zu stark auf den Sinn der Arbeit gerichtet („purpose“). Natürlich ist dieser wichtig! Das Selbstverständnis des Unternehmens sollte sich mit dem eigenen decken und Führungskräfte sollten dies aktiv verkörpern bzw. vorleben. Das ist aber sicherlich nur eine Seite der Medaille. In der aktuellen Situation wird die zweite Seite umso deutlicher, nämlich die Veränderung von Arbeitsplätzen, -prozessen oder -beziehungen, der notwendige Erwerb von Qualifikationen und die Gestaltung dieser Veränderungen. Wir haben dies beim Bundesverband der Personalmanager (BPM) im Herbst 2019 für dieses Jahr unter das Motto „prepare“ gesetzt 😉

Ein Bild, das Gras, Schild, sitzend, Straße enthält.

Automatisch generierte BeschreibungUVK: Gehen Sie in Ihrem Buch „Führen und führen lassen“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Bernd Blessin: In „Führen und führen lassen“ werden Grundlagen der Führung aufgezeigt. Diese sind in jeder Führungssituation hilfreich, auch und gerade in der jetzigen Krise. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit „in, durch und mit Veränderungen führen“, also genau passend zur aktuellen Situation. Die Abschnitte „Führung in virtuellen Teamstrukturen“ oder „Change Management“ geben jeder Führungskraft gute Impulse für die derzeitigen Führungs-herausforderungen. Vielleicht hilft auch das eine oder andere Praxisbeispiel im Buch weiter …

Quelle: UVK, M. Pantele

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