Schreibmythen können uns davon abhalten, mit dem Schreiben zu beginnen oder uns mitten im Prozess blockieren.  Christian Wymann, utb-Autor, Schreibcoach und Schreibberater an der Universitätsbibliothek Bern, erklärt uns im Experteninterview welche typischen Schreibmythen es gibt und wie wir mit ihnen umgehen können.

1.Ungehindert schreiben in der Wissenschaft, lautet der Untertitel Ihres Buches „Schreibmythen entzaubern“. Welche typischen Schreibmythen können vom wissenschaftlichen Schreiben abhalten?

Bei einigen Schreibmythen spielt es keine Rolle, ob man wissenschaftlich schreibt oder nicht. Wenn man an sie glaubt, hindern sie einen am Schreiben. Das gilt etwa für den Mythos, man müsse fürs Schreiben inspiriert sein oder man brauche viel Zeit am Stück, um etwas zu Blatt zu bringen. Typisch beim wissenschaftlichen Schreiben ist dagegen zum Beispiel der Mythos, man müsse zuerst alles gelesen haben, bevor man mit Schreiben beginnen kann. Diese Vorstellung ist in zweierlei Hinsicht gefährlich: Zum einen kann man endlos lesen und wird womöglich nie damit fertig. Das Schreiben wird so lange aufgeschoben, bis die Abgabefrist ansteht. An diesem Punkt hat man vielleicht genügend Material, aber nichts davon schriftlich verarbeitet. Was dann als Text entsteht, ist meistens qualitativ fraglich, weil man die Zeit nicht für eine schrittweise Überarbeitung des Textes genutzt hat. Zum Anderen kann dieser Schreibmythos riskant sein, weil man Lesen vom Schreiben trennt. Mit einer klaren Trennung der Prozesse handelt man sich, wie sich bei Ratsuchenden in meiner Beratung zeigt, Probleme ein. Das Gelesene muss zum Beispiel Monate später nochmals angeschaut und zusammengefasst werden, was erneut Zeit kostet. Schreibt man während dem Lesen, entstehen nicht nur erste Texte, sondern man findet auch heraus, ob die Fragestellung oder These weiterhin Sinn macht oder ob sie angepasst werden muss.
Ein anderer Schreibmythos besteht darin, dass man glaubt, kompliziert und verschachtelt schreiben zu müssen, um wissenschaftlich zu klingen. Da es einiges an Übung erfordert, komplex und dennoch lesbar zu schreiben, geraten unerfahrene Schreibende damit ins Stocken. Ihre Erwartungen an sich stimmen nicht mit ihren Fähigkeiten überein. Außerdem jagen sie einer Vorstellung hinterher, die nicht haltbar ist. Wer wissenschaftlich schreiben will, muss meiner Meinung nach neue Einsichten und Erkenntnisse klar und deutlich kommunizieren können. Lange, verschachtelte Sätze, die einen komplexen Forschungsgegenstand komplizierter darstellen als nötig und dienlich, erschweren oder verunmöglichen die wissenschaftliche Kommunikation.

  1. Müssen alle Forschungsdaten erhoben sein, damit man mit dem Schreiben beginnen kann? Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Wie es der amerikanische Psychologe Robert Boice einmal sagte, sollte man dann mit Schreiben beginnen, wenn man meint, noch nicht dafür bereit zu sein. Das klingt zwar paradox, hat aber etwas. Schreiben bedeutet nicht nur, den Text zu schreiben, den man später einreicht. Es bedeutet auch, schriftlich zu denken. Man kann während der Datenerhebung oder -analyse mit dem Schreiben beginnen, um beispielsweise herauszufinden, was man zu diesem Zeitpunkt bereits weiß oder erwartet und worüber Unklarheiten oder Lücken bestehen. Deshalb rate ich meinen KlientInnen, so früh wie möglich mit dem Schreiben zu beginnen. Erstens sind sie dann bereits geübt, über ihr Thema zu schreiben. Und zweitens haben sie nach Abschluss der Datenerhebung Texte bzw. schriftlich festgehaltene Überlegungen, die für den tatsächlichen Text eine Basis bilden. Trennt man die Forschungs- und Schreibphase, kann das passieren, was ich immer wieder in der Beratung höre: die Daten sind zwar vorhanden, aber der Wechsel zum Schreiben darüber scheint ein unüberwindbares Hindernis darzustellen. Also: Lieber früh als zu spät beginnen, damit man Übung bekommt und sich eine Basis an ersten Texten anlegt.

  1. An vielen Universitäten gibt es mittlerweile Schreibberatungen. Sollte man dieses Angebot von Beginn an wahrnehmen oder erst, wenn man beim Schreiben nicht weiter kommt?

Alle Schreibenden, die bei mir Rat suchen, kommen mit konkreten Anliegen und Fragen. Selbst jene, die keine akuten Schreibprobleme haben, kommen teilweise präventiv in die Beratung. Diese Gruppe von Schreibenden will wissen, wie sie im Falle von Problemen von der Schreibberatung profitieren können. In beiden Fällen bringen die Ratsuchenden Schreiberfahrungen mit. Auch wenn es sich lediglich um Erfahrungen mit der ersten Hausarbeit handelt, wissen die Ratsuchenden über gewisse Herausforderungen und Vorgehensweise Bescheid. Das ist die Basis für eine Beratung. Wer keine wissenschaftliche Schreiberfahrung mitbringt, wird von der Beratung kaum profitieren können – die Inhalte würden abstrakt bleiben, ohne Bezug zur eigenen Schreibpraxis.

Studierende im ersten Semester darüber zu informieren, dass es an der Universität Schreibberatung oder ein Schreibzentrum gibt, macht jedoch Sinn. Dann wissen sie, dass es eine Anlaufstelle gibt, bei der sie später Unterstützung finden. Und wenn richtig kommuniziert, wissen sie dann auch, dass die Schreibberatung nicht nur dazu da ist, wenige Stunden vor dem Ende der Abgabefrist eine Notfallübung durchzuführen. Sie steht bereits von Beginn weg für Fragen zur Verfügung, also im Sinne von Prävention, bevor jemand mit ernsthaften Problemen kämpft.

  1. Darf man auf den Lerneffekt hoffen? Entwickelt man sich von Schreibarbeit zu Schreibarbeit weiter?

Eine Weiterentwicklung mit zunehmender Übung wäre wünschenswert. Aber wie das bei mir selbst im Studium und während der Promotion war, kann es auch sein, dass man sich ständig im Kreis dreht. Man wendet dieselben Strategien an und kommt doch nicht weiter. Ich denke, dass ein Problembewusstsein zentral ist: Wenn ich weiß, wie ich arbeite und Probleme löse, werde ich mich wenn nötig um alternative Lösungen und Strategien bemühen. Der bewusste Umgang mit den unzähligen Facetten und Herausforderungen des Schreibens führt meines Erachtens zum Lerneffekt und zu einer Stärkung der entsprechenden Kompetenzen. Wenn ich mich wie immer mit schriftlichen Arbeiten abkämpfe und den Prozess nicht kritisch hinterfrage, werde ich auch in Zukunft kämpfen. Das ist beim Schreiben nicht anders als bei anderen Tätigkeiten, die man sich durch Übung und gezielte Auseinandersetzung aneignen muss. Ich vergleiche das Erlernen wissenschaftlichen Schreibens gerne mit dem Erlernen einer neuen Sportart oder eines Musikinstruments. Beides erfordert regelmäßige Übung und eine Auseinandersetzung mit grundlegenden Techniken. Hebe ich beispielsweise eine Hantel ohne zu wissen, wie ich das technisch am effizientesten mache, komme ich schnell an meine Grenzen oder verletze mich sogar. Sobald ich mich aber mit der richtigen Technik befasse, kann ich zunehmend schwerere Gewichte stemmen, ohne mich zu verletzen.

  1. Was ist das Wichtigste beim wissenschaftlichen Schreiben? Haben Sie einen Tipp für unsere Leser?

Dazu schließe ich an die vorherige Antwort an. Für mich ist das Wichtigste, so bewusst und strategisch wie möglich beim Schreiben vorzugehen. Dazu muss man sich immer wieder dieselben Fragen zum Schreibprozess, dem Text, der Sprache und anderen Aspekten stellen. Während die Fragen jedes Mal dieselben sind, fallen womöglich die Antworten und Lösungen für jede Schreibaufgabe anders aus. Auf die Frage etwa, wie ich den Schreibprozess gestalte, gibt es verschiedene Antworten. Die Herausforderung besteht darin, sich für diejenige zu entscheiden, die die effizienteste und angemessenste für die aktuelle Schreibaufgabe ist. Was für mein erstes Buch „Der Schreibzeitplan“ funktioniert hat, nämlich nach einem strikten Plan das Buch von Anfang bis Ende zu schreiben, hätte für das Schreibmythen-Buch nie geklappt. Ich habe mich bewusst für eine Schreibstrategie entschieden, bei der ich ohne klaren Plan drauflos geschrieben habe.

Bewusst und strategisch beim Schreiben vorzugehen bedeutet letztlich, dass man sich als schreibende Person gut kennen muss. Dazu braucht es Übung und ab und zu den Schritt zurück, um zu sehen, wie man beim Schreiben tickt. Idealerweise findet man dann heraus, durch welche Schreibmythen man ausgebremst wird und findet so zu neuen Antworten und Lösungen. Für eine nächste Schreibaufgabe wird man besser gewappnet sein, auch wenn neue Herausforderungen auftreten sollten. Aber man erkennt Hindernisse als lösbare Herausforderungen und lässt sich von diesen nicht blockieren.

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Dozentenbewertung von E. Müller

Schreibmythen entzaubern von Christian Wymann, ja darin habe ich mich oft wiedergefunden: „Ich muss erst alles lesen,“ wer kennt das nicht? „Über‘s Schreiben spricht man nicht,“ denn das kann man als WissenschaftlerIn! „Die Jagd nach Perfektion“, die einem das Schreiben total verderben kann. Das Buch macht klar, fast alle, die mit dem Schreiben hadern, kämpfen mit den gleichen Problemen. Und dadurch wird das Buch auch so praxisrelevant, denn zu all diesen Alltagsproblemen gibt es Erklärungen, wie diese entstehen und Tipps, wie man sie lösen kann. Ermutigend ist auch zu lesen, dass selbst große LiteratInnen mit Schreibschwierigkeiten kämpfen und diverse Tricks und Techniken anwenden müssen, um ihre später hochgelobten Texte zu verfassen.

Natürlich muss jede/r für sich herausfinden, welche Techniken passend und hilfreich sind. Mir hat zum Beispiel folgender Satz sehr gefallen: „Nicht Geburt, sondern Bau“. Man setzt sich nicht hin und schwupp, ist der perfekte wissenschaftliche Text da. Nein, es ist ein Prozess, vom Fundament (Gliederung), über den Rohbau (erster Entwurf), gefolgt von mehreren Korrekturschritten bis hin zum letztendlich perfekten Text. Dieses Bewusstsein nimmt sehr viel Druck heraus.

Fazit: Auch wenn’s nicht immer ganz leicht ist, keine Angst – alle schaffen das!

1 Kommentar zu Wissenschaftlich Schreiben

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