Sind alle Sprachen gleichkomplex? Was kann ich aus der Beobachtung von Kwakwala oder Marind über die englische Sprache lernen? Professor Thomas Berg, Autor des Buches „Anglistische Sprachwissenschaft“, spricht mit uns über Anglistik, das Bauprinzip aller Sprachen, Sprachgrenzen und Pfeiffsprachen.

Wie hilft das Hinzuziehen von Beobachtungen über Sprachen wie Kwakwala oder Marind beim Erlernen der Systematik der englischen Sprache?

Es ist hinlänglich bekannt, dass man die Sprache, mit der man aufwächst, also seine Muttersprache, zum Maßstab macht. Lernt man dann eine Fremdsprache, ist man geneigt, diese an der Muttersprache zu „messen“. D.h., man nimmt die „eigene“ Sprache (Sprache A) als Ausgangspunkt und setzt die fremde (Sprache B) dazu in Beziehung. Hierdurch entsteht ein Zerrbild, denn das Ergebnis dieses einseitigen Vergleichs ist ein anderes als im umgekehrten Fall, wenn also Sprache A die Fremdsprache und Sprache B die Muttersprache wäre und damit ein anderer einseitiger Vergleich durchgeführt würde.

In der Sprachwissenschaft geht es weniger um das praktische Erlernen von Sprachen, sondern um das Verstehen von Sprachstrukturen. Je mehr Sprachen man hinzunimmt, desto eher bekommt man einen Überblick über das, was möglich ist und das, was häufig oder selten vorkommt. Ich habe im 1. Kapitel meines Buches am Beispiel der Pluralbildung gezeigt, dass die Sprachen der Welt aus einem relativ großen theoretischen Raum nur sehr wenige Möglichkeiten auswählen. Diese allgemeinsprachwissenschaftliche Perspektive gewährt uns somit Einblicke, die uns bei einer einzelsprachlichen Analyse verwehrt bleiben.

Nach diesen Vorbemerkungen komme ich zur Beantwortung der Frage. Erst der erweiterte Blick auf unterschiedliche Sprachen hilft uns als Anglisten zu verstehen, was am Englischen „normal“ und was „unnormal“ ist, d.h. inwieweit das Englische Lösungen gewählt hat, die die meisten oder nur sehr wenige andere Sprachen auch gewählt haben. Ich kann somit erkennen, welches die „eigentlichen“ Charakteristika des Englischen sind, inwiefern sich das Englische also vom Gros der Sprachen abhebt. So gelangt man beispielsweise zu der Einsicht, dass die obligatorische Unterstützung der Verneigung durch ein Hilfsverb (I don’t know) sehr selten in der Sprachen der Welt vorkommt. Auch der berüchtigte Konsonant „th“ und der Vokal in fun finden sich nur in einer Minderzahl von Sprachen. Diese Einsichten können Lehrern helfen zu verstehen, weshalb ihre Schüler gerade hier vor besonderen Lernschwierigkeiten stehen. Kurzum, durch den Sprachvergleich können wir weit mehr über das Englische in Erfahrung bringen, als es durch eine alleinige Betrachtung des Englischen möglich wäre.

 

Gibt es so etwas wie ein gemeinsames Bauprinzip aller gesprochenen Sprachen? Etwas, das alle Sprachen gemein haben?

Ich argumentiere in Kapitel 5 meines Einführungsbuches, dass diese Frage mit „ja“ zu beantworten ist. Trotz der schier unermesslichen Unterschiedlichkeit der Sprachen gibt es eine ihnen allen gemeinsame Architektur. Diese basiert auf dem Prinzip der Hierarchie bzw. Verschachtelung, nach dem kleinere Einheiten zu größeren zusammengefügt werden und größere Einheiten aus kleineren bestehen. So finden wir in allen Sprachen eine lautliche Ebene, auf der Bedeutung nicht ausgedrückt wird, eine „wortliche“ Ebene, auf der Bedeutung ausgedrückt wird und eine „satzliche“ Ebene, auf der bedeutungstragende Einheiten miteinander verknüpft werden. Trotz dieser Gemeinsamkeit variieren die Sprachen deutlich in dem, was als Laut, Wort und Satz gilt, d.h. diese Einheiten können unterschiedlich definiert und die Grenzen zwischen diesen abstrakten Einheiten können unterschiedlich gezogen werden. So kann beispielsweise ein komplexes Wort in der Sprache X mehr oder weniger einem Satz in der Sprache Y entsprechen. Darüber hinaus entscheiden Sprachen in einem gewissen Rahmen sehr individuell, welche Information mithilfe selbstständiger Einheiten und welche mithilfe unselbstständiger Einheiten ausgedrückt wird.

 

Wie beurteilen Sie als Linguist die Veränderungen der Sprache, etwa durch Hinzukommen jugendsprachlicher Wendungen oder dem zunehmenden Gebrauch von Anglizismen im Deutschen?

Die Debatte über die Veränderungen in der Sprache wird häufig sehr unsachlich geführt; sie ist geprägt von einer unbewussten oder unausgesprochenen Angst vor Veränderung, genauer gesagt, vor Verschlechterung. Diese Angst ist aus wissenschaftlicher Sicht völlig unbegründet. Hinter ihr stecken die beiden Annahmen, dass früher alles besser war und dass sich Sprache überhaupt zum Negativen verändern kann. Ist es nicht tröstlich, dass diese Annahmen schlicht und ergreifend falsch sind? Mit der ersten werde ich mich nicht weiter beschäftigen, da sie nichts mit Sprachwissenschaft zu tun hat. Bei der Auseinandersetzung mit der zweiten Annahme muss man zwischen subjektivem Geschmack und Funktion in einem sozialen Gefüge unterscheiden. Selbstverständlich können sprachliche Veränderungen wie der häufige Gebrauch von Anglizismen im Deutschen dem Individuum missfallen. Hier muss man sich bloß die Frage gefallen lassen, inwieweit der eigene Geschmack durch mehr oder weniger zufällige Bedingungen in der Prägephase, sprich: den sprachlichen Gegebenheiten in der Kindheit geprägt ist. Wäre man 50 Jahre später zur Welt gekommen, hätte man wahrscheinlich einen anderen Geschmack und würde an anderen sprachlichen Entwicklungen Anstoß nehmen.

Der ungleich wichtigere Aspekt ist aber, dass bei allen sprachlichen Veränderungen die Funktion der Sprache, nämlich eine erfolgreiche Kommunikation sicherzustellen, unbeeinträchtigt bleibt. Das heißt, egal, in welcher historischen Phase sich eine Sprache befindet, sie erfüllt immer die Aufgaben, die wir an sie als Kommunikationsmittel herantragen. Es gibt somit keine Verschlechterung.

Es bietet sich an dieser Stelle an, mit einem weiteren, ähnlich gelagerten Vorurteil aufzuräumen. In der Anglizismusdiskussion ist oft von einer Verunreinigung der Sprache die Rede, die auf sonderbare Weise an die politische Debatte über die Durchmischung der Rassen erinnert. Hier wird unterstellt, dass Sprachen früher einmal „rein“ waren. Das ist blanker Unsinn. Sprachen waren nie rein, sind es auch heute nicht und werden es auch nie sein. Das besonders Unerfreuliche an dieser Debatte ist die implizite Grundannahme, dass ein einziger Ursprung, und zwar der eigene, die bessere Alternative ist. Dass diese Annahme durch nichts zu rechtfertigen ist, bedarf an dieser Stelle kaum der Begründung.

 

Unterrichten Sie an der Hochschule englische Linguistik auf Deutsch oder auf Englisch? Weshalb?

Die Frage nach der Unterrichtssprache mag in einer Zeit, die sich Internationalisierung und Globalisierung ziemlich unkritisch auf die Fahnen geschrieben hat, nahezu überflüssig erscheinen – zumal wir über die Ausbildung von Anglistikstudenten reden. Ich halte sie trotzdem für völlig berechtigt, weil sie aus meiner Sicht eine differenzierte Antwort erfordert.

Ich unterrichte als Anglist prinzipiell auf Englisch, auch wenn ich als Sprachwissenschaftler nicht primär für die sprachpraktische Ausbildung zuständig bin. Dieses Prinzip bedarf keiner großen Rechtfertigung. Meine Kollegen und ich sind in der Anglistik in der privilegierten Situation, dass unsere Studenten in der Regel mit guten Englischkenntnissen an die Universität kommen, so dass sie dem Unterricht auf Englisch folgen können. Allerdings befolge ich dieses Prinzip auch nicht konsequent. In meiner langjährigen Unterrichtspraxis hat sich herausgestellt, dass die Verwendung des Deutschen als Muttersprache für die meisten Kursteilnehmer den Zugang zur Sprachwissenschaft erheblich erleichtert, mit der sie ja bisher noch nicht in Berührung gekommen sind. Dieses ist auch einer der Gründe dafür, dass meine Einführung in die anglistische Sprachwissenschaft auf Deutsch verfasst wurde. Wir sollten obendrein nicht vergessen, dass die Studenten in der Regel nicht gewohnt sind, wissenschaftliche Inhalte, Methodik und Argumentation in ihrer Muttersprache auszudrücken, so dass der Unterricht in der Muttersprache bereits eine spürbare Herausforderung darstellt.

 

Ist das Deutsche im Vergleich beispielsweise zum Englischen eine komplexe Sprache?

Es gibt derzeit eine Debatte in der Linguistik, ob – summa summarum – alle Sprachen letztlich gleichkomplex sind. Dabei zeichnet sich ein Konsens darüber ab, dass dem nicht so ist. Allerdings muss die Vorläufigkeit dieser Erkenntnis betont werden, die dadurch bedingt ist, dass wir nicht wissen, was Komplexität genau ist. Insofern sind alle Antworten zum Stichwort „Komplexität“ mit Vorsicht zu genießen.

Es wird oft – insbesondere in der nichtwissenschaftlichen Welt – behauptet, dass Englisch einfacher als das Deutsche ist. Diese Behauptung ist auch nicht so leicht von der Hand zu weisen. D.h., grosso modo scheint an ihr etwas dran zu sein. In einer ganzen Reihe von Bereichen ist das Englische tatsächlich einfacher als das Deutsche.

Aus wissenschaftlicher Sicht empfiehlt sich allerdings eine differenziertere Betrachtungsweise. Je enger man die Bereiche eingrenzt, desto zuverlässiger werden die Aussagen, die über sie getroffen werden können. So gibt es durchaus Bereiche, in denen das Englische komplexer als das Deutsche ist. Beispielsweise ist die Wortbetonung im Deutschen über weite Strecken leichter zu „erraten“ als im Englischen. Selbst fortgeschrittene Anglistikstudenten haben Mühe mit drei- und mehrsilbigen Wörtern wie acumen und acquiesce, von Aristotle ganz zu schweigen. Ebenso stellt der Rhythmus des Englischen Lernende vor erhebliche Probleme.

Eine weiterführende Frage wäre, aus welchem Grund man eigentlich einen Vergleich der Komplexität von Sprachen vornehmen möchte. Geht es dabei manchmal nicht um etwas ganz anderes? Soll damit vielleicht die eine Sprache in ein positiveres und die andere in ein negativeres Licht gerückt werden? Geht es also um Sprachkritik? Oder soll gar den Fremdsprachenlernenden unterstellt werden, wenn sie sich nur mehr Mühe geben würden, dann wäre es bei dieser einfachen Sprache doch ein Leichtes, gute Noten zu bekommen? Ehe man sich hier auf eine oftmals fruchtlose Debatte einlässt, sollte man sich also fragen, zu welchem Zweck sie geführt wird.

 

Erleben Sie aufgrund Ihrer Neugier auf sprachliche Strukturen Fremdsprachen auch im Urlaub anders als „normale“ Menschen?

Eindeutig „ja“. Wo immer ich auch bin, interessiere ich mich für die Sprache, die mich umgibt und den Kontext, in den sie eingebettet ist. Dieses folgt zwangsläufig aus der Tatsache, dass ich meinen Broterwerb nicht als Beruf, sondern als Berufung ansehe. Mir macht die Beschäftigung mit Sprache einfach Spaß, und so kann (und brauche) ich auch nicht sauber zwischen Arbeit und Freizeit trennen. Konkret bedeutet das, dass, wenn ich z.B. in der Schweiz bin, ich mich damit beschäftige, wo die Sprachgrenzen genau verlaufen. Abhängig davon, welche Möglichkeiten sich mir bieten, versuche ich dann in Erfahrung zu bringen, was es genau heißt, dass ein Ort wie Biel Sprachgrenze ist, also wie strikt man sie sich vorzustellen hat, was das für das Alltagsleben der Menschen bedeutet usw. Oder wenn ich erfahre, dass es auf Euboia in Griechenland eine Pfeiffsprache gibt, ich mich unverzüglich mit Pfeiffsprachen beschäftigen muss.

 

Was kann man mit (englischer) Linguistik im „echten“ Leben anfangen? Welche Berufe ergreifen Ihre StudentInnen nach dem Studium?

Ich muss zunächst vorwegschicken, dass ich kein Freund des Utilitarismus bin. Ich betrachte es als Privileg, dass ich viele Dinge einfach nur deswegen tun kann, weil sie mir Spaß machen, und nicht, weil mir daraus ein konkreter Nutzen oder Vorteil erwächst. Apropos Spaß. Da wir in einer Spaßgesellschaft leben, sollte ich wahrscheinlich den Begriff „Spaß“ durch den Begriff „Freude“ ersetzen.

Die meisten Anglistikstudenten streben den Lehrerberuf an, wobei hier nicht nur an Schule, sondern auch an Erwachsenenbildung, innerbetriebliche Fortbildung usw. zu denken ist. Wie in meinem Buch kurz angesprochen, ist die sprachwissenschaftliche Ausbildung von immenser Bedeutung für angehende Lehrer. Durch die wissenschaftliche Beschäftigung lernt man, eine Distanz sowohl zur Muttersprache als auch zur Fremdsprache aufzubauen. Diese Distanz ist Voraussetzung für einen sinnvollen und reflektierten Sprachunterricht.

Bei den Studierenden, die den Lehrerberuf nicht anstreben, ist das Berufsbild sehr heterogen. Häufig führt die Kombination mit dem Zweitfach und die Kenntnis der fremdsprachlichen Kultur zu ganz individuellen Lösungen. Hier ist insbesondere an die Verbindung zur Medienwissenschaft zu denken. Beispielsweise sind Werbeagenturen, die sich ja mit Werbetexten („Werbesprache“) beschäftigen, eine mögliche Perspektiven unter anderen.

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