Eine Masterarbeit in den Ingenieurwissenschaften oder eine Masterarbeit in einem anderen Studiengang schreiben – wo ist der Unterschied? Wie finde ich das richtige Thema für meine Arbeit? Unsere Expertin Judith Theuerkauf erklärt es uns. Lesen Sie jetzt unser neues utb-Experteninterview! 

  1. Worin unterscheidet sich das Schreiben einer Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit in den Ingenieurwissenschaften im Vergleich zum Schreiben in anderen Studiengängen?

Das Schreiben einer ingenieurwissenschaftlichen Thesis unterscheidet sich vom Schreiben in anderen Studiengängen einerseits hinsichtlich des Textentstehungsprozesses und andererseits hinsichtlich der formalen Ansprüche an die Thesis.

Ingenieurwissenschaftliche Abschlussarbeiten werden häufig im Rahmen von größeren Projekten verfasst. Das können Forschungsprojekte an der Hochschule sein oder auch Projekte in einem Unternehmen. Innerhalb dieser Projekte werden kleinere Teilaufgaben an Studierende „delegiert“, die diese im Rahmen ihrer Thesis bearbeiten. Durch diesen Projektbezug ist der Rahmen dieser Arbeiten relativ eng gesteckt. Oft geht es darum, eine bereits vom Betreuer komplett durchdachte Aufgabe lediglich abzuarbeiten und die Ergebnisse darzustellen und zu interpretieren. Es bleibt also ein relativ geringer Spielraum für eigene Ideen. Der Vorteil ist jedoch der hohe Nutzen dieser Arbeiten. Sie entstehen nicht für die Schublade, sondern werden direkt für das übergeordnete Projekt gebraucht. Auch entsteht diese Form der Thesis häufig in enger Zusammenarbeit mit den betreuenden Personen, sei es an der Uni oder im Unternehmen. Dadurch, dass die Ergebnisse tatsächlich gebraucht werden, besteht seitens der betreuenden Personen ein großes Interesse an der Entstehung der Thesis. Entsprechend hoch ist die Bereitschaft, die Studierenden bei ihrem Schreibprojekt zu unterstützen. Dieses hohe Engagement findet man in anderen Studiengängen, wo die Thesis nur eine reine Prüfungsleistung ohne verwertbaren Nutzen darstellt, weniger häufig.

Für das Schreiben der Texte resultieren aus diesem Projektbezug zwei Herausforderungen: Zum einen müssen die Studierenden sich oft erst das tiefere Verständnis für die gestellte Aufgabe erarbeiten. Ihre Betreuer oder Betreuerinnen wissen, worum es im Projekt geht und kennen den Stellenwert der Aufgabenstellung innerhalb des Projektes. Für die Studierenden aber gilt es nun, ausgehend von der Aufgabenstellung deren Stellenwert innerhalb des Projektes erst einmal zu verstehen und die Zielsetzung innerhalb der eigenen Thesis von dem Gesamtziel des Projektes abzugrenzen. Da haben viele Studierende Schwierigkeiten.
Ein weiteres Problem ist, dass der Schreibprozess regelmäßig unterschätzt wird und nicht in die Aufgabenstellung integriert wird. Der Fokus liegt für die Studierenden auf der Erfüllung der Aufgabenstellung und der Irrglauben ist, dass die Ergebnisse dann nur noch aufgeschrieben werden müssen. Dass das „Nur-noch-Aufschreiben“ jedoch seine Zeit braucht, wird manchem erst bewusst, wenn die Zeit beginnt, davon zu rennen.

Hinsichtlich der Anforderungen an ingenieurwissenschaftliche Abschlussarbeiten gilt, den Text so zu gestalten, dass die Leser und Leserinnen, im Regelfall also die Betreuenden, dem Text möglichst schnell die für sie relevanten Informationen entnehmen können.
Der schnelle Zugriff auf die Informationen kann auf verschiedene Art und Weise hergestellt werden. Hervorheben möchte ich an dieser Stelle zum einen Visualisierungen und zum anderen die Einheitlichkeit der Texte.

Fachliche Visualisierungen spielen in ingenieurwissenschaftlichen Texten eine ganz wesentliche Rolle. Wir kennen ja den Spruch „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Dieser Satz trifft auf die Ingenieurwissenschaften besonders zu, denn hier gilt es, hoch komplexe Sachverhalte darzustellen, die mit Worten nur noch schwer oder gar nicht beschreibbar sind, zumindest nicht verständlich. Dabei bringen die verschiedenen Sachverhalte verschiedene Visualisierungsarten mit sich, beispielsweise gibt es Bilder, Fotos, Grafiken, Tabellen. Diese können weiter differenziert werden, beispielsweise kennen wir Kreis-, Balken-, Säulen und Kurven- oder Liniendiagramme. An die Stelle einer einzelnen Abbildung kann auch eine Folge von Abbildungen treten, um Bewegungen oder Entwicklungen aufzuzeigen.

In einigen ingenieurwissenschaftlichen Fächern werden Visualisierungen jedoch nicht nur verwendet, um komplexe Sachverhalte zu verdeutlichen, sondern sie dienen auch der Erkenntnisgewinnung für die Schreibenden selbst. Ein bekanntes Beispiel sind Röntgenaufnahmen als Ergebnis eines bildgebenden Messverfahrens. Eine Röntgenaufnahme hat primär nicht die Funktion der Darstellung eines Sachverhaltes für die Lesenden, sondern mit ihrer Hilfe können Experten überhaupt erst Erkenntnisse gewinnen. Ingenieurwissenschaftliche Texte enthalten demnach Visualisierungen, die der Konzentration und Verdichtung von Informationen für die Lesenden dienen und Visualisierungen, die primär der Erkenntnisgewinnung für die Schreibenden selbst dienen.

Visualisierungen sind also in ingenieurwissenschaftlichen Texten niemals schmückendes Beiwerk, sondern gleichberechtigte Bestandteile des Textes, die entsprechend optisch und sprachlich integriert werden müssen.

Als weiteres Merkmal ingenieurwissenschaftlicher Texte habe ich deren Einheitlichkeit genannt. Diese wird durch eine regelrechte Gleichförmigkeit auf allen Ebenen im Text erzielt:
Beispielsweise werden vergleichbare technische Prozesse oder Verfahren in der gleichen Reihenfolge und mit den gleichen Worten beschrieben. Auch das Layout ist durch Einheitlichkeit gekennzeichnet, indem inhaltlich gleichartige Textteile mit gleicher Funktion durchgehend mit der gleichen Schriftgröße, Schriftart und Farbe gestaltet werden. Auch Fachbegriffe und fachspezifische Abkürzungen werden durchgehend einheitlich verwendet, also nicht variiert, wie wir es möglicherweise noch aus dem Deutschunterricht kennen, wo die Verwendung von Synonymen als Zeichen eines guten Sprachstils gewertet wird. Das ist in ingenieurwissenschaftlichen Texten anders!

  1. Die Wahl des Themas ist entscheidend für den Erfolg einer wissenschaftlichen Arbeit. Wie finde ich das richtige Thema für mein Schreibprojekt?

Die Wahl des richtigen Themas beginnt im Idealfall schon ein bis zwei Semester, bevor Sie mit der Abschlussarbeit beginnen wollen. Entwickeln Sie frühzeitig eigene Interessen und fachliche Schwerpunkte und halten Sie Augen und Ohren offen:

  • Achten Sie auf Themen-Aushänge an den Schwarzen Brettern der Fachgebiete und Institute Ihrer Hochschule.
  • Besuchen Sie die Internetseiten der Fachgebiete. Dort finden Sie oft Listen von Abschlussarbeiten, die bereits durchgeführt wurden. So erhalten Sie Anregungen für eigene Themenstellungen.
  • Manche Fachgebiete schreiben auch auf Ihren Internetseiten mögliche Themen in Forschungsprojekten oder in Firmen aus.
  • In Lehrveranstaltungen geben manche Vortragenden Tipps oder Anregungen für Abschlussarbeiten. Sprechen Sie den Professor oder die Professorin im Anschluss an die Veranstaltung an: „Das Thema heute war sehr interessant. Besteht die Möglichkeit, dazu eine Abschlussarbeit zu schreiben?“
  • Knüpfen Sie Kontakt zu Professoren und Professorinnen, deren Fachgebiete Sie interessieren. Besuchen Sie deren Sprechstunde oder Vortragsreihen und fragen Sie sie nach Literatur oder Forschungsvorhaben.
  • Werden Sie Studentische Hilfskraft in einem Forschungsprojekt oder in einer Firma! Sie verdienen so etwas dazu, bekommen Berufserfahrung und erhalten Einblick in relevante Forschungsthemen und praxisrelevante Fragestellungen.
  1. Schreiben ist ein Prozess, bei dem aus einem ersten Text nach vielen Überarbeitungen eine Endversion entsteht. Wie komme ich zu meinem ersten Entwurf und was bedeutet in diesem Zusammenhang Top-Down, Upside Down und Bottom Up?

Ja, es ist richtig: Schreiben ist ein Prozess. Ein fachlicher Text wird nicht in einem Rutsch und an einem Wochenende mal eben herunter geschrieben. Vielmehr entsteht der Text in Etappen.
Von vielen Ingenieuren und Ingenieurinnen weiß ich, dass sie sich zunächst eine grobe Gliederung erarbeiten, sozusagen als Gerüst für den entstehenden Text. Sie beginnen also top down (Engl.: von oben nach unten). Bei dem Top-Down-Ansatz wird dann diese erste grobe Gliederung sukzessiv mit Text gefüllt. Hierbei helfen standardisierte Gliederungen, wie z.B. das so genannte IMRAD-Schema, wobei IMRAD für Introduction (Einführung), Material and Methods (verwendete Materialien und Methoden), Results (Ergebnisse) And Discussion (Diskussion der Ergebnisse) steht. Eine Standardgliederung für eine ingenieurwissenschaftliche Abschlussarbeit finden Sie in meinem Buch „Schreiben im Ingenieurstudium“.

Die grobe erste Gliederung wird dann im Laufe des Schreibprojektes weiter differenziert. Oft können Sie aus der Grobstruktur eine detailliertere Feingliederung jedoch erst entwickeln, wenn Sie bereits genügend Daten und Informationen gesammelt haben und erste Ergebnisse vorliegen. Diese Vorgehensweise bezeichne ich als Bottom-Up-Ansatz (Engl.: von unten nach oben). Bei dem Bottom-Up-Ansatz sichten Sie zuerst Ihr Material und entwickeln dann Kategorien, nach denen Sie Ihr Material ordnen.

Wie ich bereits erläutert habe, steht gerade bei Arbeiten mit Projektbezug die Aufgabenstellung schon fest und wird als erstes abgearbeitet. Entsprechend liegt der Ergebnisteil dann bereits vor und der Theorieteil, also die Auswertung der relevanten Literatur, wird erst im Anschluss erarbeitet und geschrieben. Hier steht der Schreibprozess sozusagen auf dem Kopf und daher bezeichne ich das Vorgehen ich als Upside-Down-Vorgehen.
Dieses Vorgehen ist völlig okay. Sie müssen die einzelnen Kapitel und Abschnitte Ihrer Abschlussarbeit zeitlich nicht in der Reihenfolge verfassen, in der sie später in der Abschlussarbeit erscheinen werden. Wichtig ist aber, dass Sie Ihre Textteile im Gesamttext in einer logischen und nachvollziehbaren Reihenfolge zusammenfügen.

  1. Was gilt es bei der Quellenarbeit zu berücksichtigen und wie kann man die Seriosität von Quellen aus dem Internet überprüfen?

Essentiell für die Qualität der Abschlussarbeit sind nicht nur die methodische Vorgehensweise und die erzielten Ergebnisse, sondern auch die Qualität der verwendeten fachlichen Quellen. Anhand der verwendeten Literaturquellen können die Leserinnen und Leser die Arbeit fachlich einordnen und Ihre fachliche Kompetenz als Autor oder Autorin Ihrer Abschlussarbeit einschätzen: Haben Sie lediglich eine Aufgabenstellung sauber „abgearbeitet“ oder können Sie auch mit Hilfe der Fachliteratur Ihre Vorgehensweise begründen und die Ergebnisse interpretieren?

Viele Betreuer und Betreuerinnen bewerten daher auch die Qualität der in der Thesis verwendeten Quellen. Grundsätzliche Qualitätsmerkmale von Quellen sind deren Aktualität, Verlässlichkeit und Nachprüfbarkeit und nicht zuletzt die Art der enthaltenen Information. Bewerten Sie daher die Qualität von Quellen immer in Abhängigkeit von der Zielsetzung Ihres Schreibprojektes und Ihren Informationszielen.
Die Qualitätsmerkmale der Quellenarten sind also keine absoluten Größen. Beispielsweise ist ein Fachartikel („paper“) im Allgemeinen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell. Wenn Sie jedoch einen Überblick über die Entwicklung einer bestimmten Technologie geben wollen, ist es notwendig, auch ältere Artikel für Ihre Arbeit hinzuzuziehen. Wenn die journals, in denen die jeweiligen paper erscheinen, ein peer review (das ist ein Verfahren zur ein Qualitätskontrolle) durchführen lassen, können Sie davon ausgehen, dass die Artikel verlässlich sind, da ein Experte oder eine Expertin den Artikel vor der Veröffentlichung kritisch gelesen und für gut befunden hat.

Das Internet ist bei der Materialsuche eine große Hilfe. Die Qualität von Quellen aus dem Internet können Sie mit folgenden „Indikatoren“ einschätzen:

  1. Wird der Verfasser, die Verfasserin namentlich genannt? Jeder Wissenschaftler, jede Expertin hat ein großes Interesse daran, unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen. Finden Sie keinen Namen (oder ersatzweise auch keine fachliche Institution), seien Sie kritisch gegenüber der Zuverlässigkeit der Quelle.
  2. Ist der Verfasser, die Verfasserin „vom Fach“? Besitzt er oder sie eine für Ihre Fragestellung oder Zielsetzung erkennbare Qualifikation, ist also als Experte bzw. Expertin anerkannt?

Ganz wichtig für die Quellensuche: „Googlen“ Sie nicht nur! Verwenden Sie für die Suche im Internet beispielsweise auch Google Scholar, wo Sie vorwiegend wissenschaftliche Publikationen finden, oder fachliche Datenbanken zu Ihren Themen- und Fachgebieten. Tipps hierzu erhalten Sie von Ihren Betreuern und Betreuerinnen oder in der Bibliothek Ihrer Hochschule.

Produktinformationen werden geladen...

Autor

Buchtitel

Buchcover

Druck-Ausgabe: , eBook-Ausgabe:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.