Unterschiedliche Lernmedien transportieren komplexes Wissen auf verschiedenen Wegen. Es ist wichtig, möglichst früh experimentierend herauszufinden, mit welchem Lernmedium Sie am leichtesten und effektivsten lernen.
Helga Esselborn-Krumbiegel stellt in ihrem utb-Band Leichter lernen verschiedene Lernmedien vor und beschreibt ihre jeweiligen Vorteile.

Dr. Helga Esselborn-Krumbiegel leitet das Schreibzentrum an der Universität Köln. Sie ist Verfasserin seit Jahren eingeführter Standardwerke zum Schreiben im Studium. Bei utb sind drei Bücher von ihr erschienen:

» Leichter lernen

» Von der Idee zum Text

» Richtig wissenschaftlich schreiben 

Die Lernübersicht

Am geläufigsten ist wahrscheinlich die Lernübersicht, in der Sie Ihr Wissen klar gegliedert mit Stichworten festhalten. Leitbegriffe, Überschriften, Zwischentitel, Aufzählungen, Tabellen und Strukturpläne helfen Ihnen, Ihr Themengebiet zu überblicken und sich auch an Einzelheiten zu erinnern. Nutzen Sie dabei zur Unterstützung Farben und Symbole, gehen Sie jedoch sparsam mit diesen Markierungen um, denn sie verlieren ihre Wirkung, wenn man sie zu häufig einsetzt. Wenn Sie Ihre Lernübersichten im PC angelegt haben, drucken Sie Ihr Material vor dem Lernen aus.

Wenn Sie die verschiedenen Unterpunkte auf unterschiedlichen Blättern festhalten, können Sie während des Lernens leichter umsortieren und ergänzen und haben doch das gesamte Material gleichzeitig vor sich. Das Umsortieren und Neustrukturieren der Informationen nach jeweils wechselnden Fragestellungen ist lernpsychologisch sehr günstig. Wenn Sie nämlich Ihr Wissen wiederholt in wechselnden Fragekontexten erproben, können Sie souverän damit umgehen. So lernen Sie, auch auf unerwartete Fragestellungen zu antworten.

Ihre ausgedruckten Notizen können Sie leicht an jeden beliebigen Ort mitnehmen und Ihre Kenntnisse jederzeit auffrischen. Es empfiehlt sich nämlich, Kenntnisse, die schnell abrufbereit sein müssen, in unterschiedlichen Lernsituationen, an unterschiedlichen Lernorten zu wiederholen: in der Straßenbahn, am Kiosk, in der Mensa, im Freibad. Auf diese Weise heftet sich die Erinnerung nicht wie sonst im Reiz-Reaktions-Schema an den einen Lernort, sondern steht auch dann zur Verfügung, wenn sie woanders abgerufen werden muss.

Der Lernbrief

Packen Sie Ihr gesamtes Wissen zu einem Themenbereich in einen Brief an einen konkreten Adressaten. Stellen Sie zunächst den Kontext dar und strukturieren Sie Ihren Brief anschließend durch Überschriften und Zwischentitel. Lesen Sie sich diesen Brief immer wieder laut vor. Memorieren Sie am Anfang jedes Briefes, wie viele Punkte, d.h. Leitgedanken, Ihr Brief umfasst. Verbinden Sie diese Zahl eventuell mit einem bestimmten Symbol: ein Brief mit vier Punkten bekommt z.B. ein Kleeblatt als Symbol, ein Brief mit neun Punkten erhält als Symbol einen Kegel (»alle Neune«). Wenn man die Anzahl der Leitgedanken kennt, kann man sie erfahrungsgemäß leichter reproduzieren.

Anstelle eines Briefes können Sie auch einen Zeitungsartikel über Ihren Themenbereich verfassen: stellen Sie sich in jedem Fall möglichst genau ein bestimmtes Publikum vor, für das Sie schreiben.

Die Lernkartei

Eine Lernkartei ist ein Karteikasten mit fünf Fächern unterschiedlichen Umfangs. Die Fächer können von eins bis fünf nummeriert, oder mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet werden. Beschriften Sie Ihre Karteikarten zu einem bestimmten Themengebiet immer nur mit einer Frage auf der Vorderseite und der Antwort auf der Rückseite. In der rechten oberen Ecke sollten Sie mit einer Abkürzung das Themengebiet bezeichnen. So finden später auch verirrte Karten den Weg zurück ins thematisch passende Fach.

Füllen Sie das erste Fach mit ungefähr sieben neuen Informationen/ Karten pro Tag, bis Sie Ihr gesamtes Wissen zu einem Themengebiet verzettelt haben. Wenn Sie z.B. Vokabeln pauken, müssen Sie wahrscheinlich mehr als sieben Wörter pro Tag lernen. In diesem Fall unterbrechen Sie Ihr Lernen nach jeweils sieben Vokabeln für ungefähr 5 bis 10 Minuten, um Ihrem Gedächtnis genügend Zeit zum Abspeichern zu geben. Danach füllen Sie weitere sieben neue Karten ins erste Fach. Bearbeiten Sie Ihre Karteikarten jeden Tag im Frage-und- Antwort-Spiel: Haben Sie eine Frage richtig beantwortet, stecken Sie die Karte ins zweite Fach, wissen Sie die Antwort nicht, bleibt die Karte im ersten Fach.

Bei Ihrem nächsten Lerntermin (möglichst am nächsten Tag!) nehmen Sie sich zunächst wieder das erste Fach vor: Füllen Sie es mit so vielen neuen Karten auf, dass sich dort wieder ungefähr sieben Karten befinden. Karten, die Sie nicht beantworten können, bleiben wieder im ersten Fach. Wiederholen Sie anschließend alle Fragen aus dem zweiten Fach. Bei richtigen Antworten kommen diese Karten ins dritte Fach, bei falschen Antworten stecken Sie die Karten zurück ins erste Fach. Erst wenn Sie dieses zweite Fach durchgearbeitet haben, legen Sie nun auch die »richtigen« Karten aus dem ersten Fach ins zweite Fach zur Wiederholung am folgenden Tag.

Am dritten Lerntag beginnen Sie wieder mit Fach eins – auffüllen auf sieben Karten – und verfahren dann wie zuvor. Fach drei nehmen Sie sich erst nach mehreren Tagen – bis zu einer Woche – wieder vor. Von dort wandern die »Richtigen« weiter in Fach vier, die »Falschen« werden wieder in Fach eins einsortiert. Fach vier wiederholen Sie in noch größeren Abständen von ungefähr drei bis vier Wochen; alle »richtigen« Karten kommen in Fach fünf. Informationen, die in Fach fünf angekommen sind, müssen erst zwei bis drei Tage vor der Prüfung wiederholt werden.

Dieses Lernverfahren eignet sich für alle Informationen, die Sie selber durch Exzerpte, Mind-Maps, Übersichten, Tabellen und Strukturpläne zusammenstellen. Wenn Ihr Lernstoff aber bereits in einem Lehrbuch, einem Vokabelheft, einer Formelsammlung, in größeren Tabellen oder übersichtlichen Zusammenfassungen aufbereitet vorliegt, lohnt es sich meistens nicht, zusätzlich eine Lernkartei anzulegen.

Karteikarten eignen sich besonders gut zum Lernen von Faktenwissen und leicht überschaubaren Zusammenhängen. Komplexe Argumentationszusammenhänge sollten Sie sich dagegen lieber mit Hilfe einer originellen Lernstrategie einprägen.

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