Einige sprachliche Schnitzer finden sich in wissenschaftlichen Texten so häufig, dass es sich lohnt, ausdrücklich vor ihnen zu warnen. Helga Esselborn-Krumbiegel hat in ihrem utb-Band Richtig wissenschaftlich schreiben solche häufigen Fehler zusammen gestellt und zeigt, wie man sie vermeidet:

Übertreibungen und Floskeln

Jede Übertreibung lässt auf eine unausgesprochene Wertung schließen. Wenn Sie von einer wahnsinnig langen Zeit, einem sagenhaft kostspieligen Event, einem unwahrscheinlich großen Aufwand, einer wohl verdienten Strafe oder einem absolut überzeugenden Argument sprechen, steckt dahinter ein subjektives Urteil. Wissenschaftliche Texte dagegen müssen ihre Wertungen begründen und sich vor Über- oder Untertreibungen hüten. Bei allen Steigerungsformen sollten Sie daher überlegen, ob die einfache Grundform des Adjektivs für Ihre Behauptung nicht genau so aussagekräftig ist.

Ebenso sollten Sie Wörter wie leider, zum Glück nur gebrauchen, wenn Sie die damit verbundenen Wertungen begründen können. Auch Formulierungen wie nie, immer, in jedem Fall, überhaupt, insgesamt, optimal, maximal, vollkommen, einzig, alle, sämtliche, keine, überhaupt, grundsätzlich sollten Sie mit Vorsicht verwenden, weil Sie damit absolute Aussagen treffen, die sich so selten belegen lassen.

Adjektive, die in der Umgangssprache gern ausschmückend gebraucht werden, dienen in wissenschaftlichen Texten vor allem der Präzisierung. Fragen Sie sich deshalb, bevor Sie ein Adjektiv setzen, ob es einen Begriff tatsächlich näher bestimmt oder einen Sachverhalt verdeutlicht, wenn nicht, lassen Sie es weg. In den folgenden Beispielen dienen die Adjektive zur Präzisierung und sind deshalb notwendig:

»Die alten Bundesländer unterscheiden sich von den neuen Bundesländern. Gutartige Zellveränderungen reagieren anders als bösartige. Kapillares Blut ist von venösem zu unterscheiden.«

Adjektive sind auch im Fachvokabular unverzichtbar: naturräumliche Gliederung, zircadiane Rhythmen, kontaminierte Lösung, niedermolekulare Stoffe. Dagegen sind gewaltige Veränderungen, empörende Maßnahmen, haarsträubende Entwicklungen und tolle Argumente in wissenschaftlichen Texten fehl am Platz.

Nicht nur Übertreibungen, sondern auch vage Charakterisierungen sind ungeeignet, weil ihnen die notwendige Klarheit und Genauigkeit wissenschaftlicher Aussagen fehlt: hohe Kosten müssen präzisiert werden; ökologische Maßnahmen verlangen eine genauere Erklärung; weitreichende Entscheidungen sind in ihren Auswirkungen zu belegen.

Oft schleichen sich auch gängige Floskeln in einen Text ein, ohne dass die Schreiberin es merkt, weil diese Wendungen in der Umgangssprache üblich sind: feste Überzeugung, entscheidende Frage, grundlegende Überlegung, ein Sturm der Entrüstung, eine Welle der Begeisterung. Auch Adjektive, die eine Aussage des Substantivs übernehmen, sind meistens unnötig: im redaktionellen Bereich statt in der Redaktion oder in erzieherischen Zusammenhängen statt in der Erziehung.

Die falsche Zuordnung von Adjektiven führt vor allem bei zusammengesetzten Substantiven zu Missverständnissen: eine gentechnisch veränderte Tabakpflanzenzüchtung meint die Züchtung gentechnisch veränderter Tabakpflanzen, die hochsensible Datenermittlung arbeitet nicht etwa mit hochsensiblen Methoden, sondern ermittelt hochsensible Daten.

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 66


Unpassende Wertungen

Nicht nur Übertreibungen führen zu unbeabsichtigten Wertungen, oft schleichen sich ungewollte Bewertungen und Nebenbedeutungen auch fast unmerklich in den Text ein:

»Die Kontrollgruppe der Zwanzigjährigen bearbeitete diese Aufgaben natürlich schneller als die Gruppe der Fünfzigjährigen.«

Hier äußert der Autor ungewollt eine bereits vorgefasste Meinung. Ähnlich spricht sich in der folgenden Feststellung unterschwellig eine eigene Einschätzung der Interviewerin aus:

»Die Landbevölkerung wurde nach ihren eingeschränkten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gefragt.«

Eine vergleichende Untersuchung der Freizeitaktivitäten von Stadt- und Landbewohnern sollte zunächst objektiv, und das bedeutet: ohne eigene Wertungen, die Freizeitaktivitäten beider Gruppen erfassen und gegebenenfalls anschließend deren Selbsteinschätzungen erfragen. Ebenso sollten Sie sowohl positive als auch negative indirekte Wertungen vermeiden. Eine implizite negative Wertung transportiert der folgende Satz:

»Die Verwendung der Hochsprache ist dieser Peergroup völlig unwichtig, was zählt, ist allein der bizarre Gruppenjargon.«

Eine implizite positive Wertung findet sich in folgender Behauptung:

»Endlich akzeptierten auch die Eltern der Probandin die Notwendigkeit, mit dem Therapeuten zu kooperieren.«


Falscher Kasus

In Sätzen, die nicht mit dem Subjekt beginnen, muss man besonders auf den korrekten Kasus (Fall) achten:

»Einen (nicht: ein) Einstieg in das Thema bildet der Aufriss bisheriger Fehlentwicklungen.«
»Einen (nicht: ein) Lösungsansatz könnte die Verlagerung des Standortes darstellen.«

Auch wenn mehrere Nomen voneinander abhängen, ist der Kasus entsprechend zu wählen:

»Nach der Untersuchung ausgewählter Textbausteine und unterschiedlicher Wortfelder (nicht: unterschiedlichen Wortfeldern) folgt ein Überblick über die allgemeine Stilistik.«

Häufig schleichen sich Kasusfehler auch bei Relativsätzen ein:

»Die genannten Merkmale dienen uns im Folgenden als Kriterien, mit denen (nicht: mit dem) der Warentransport beschrieben werden soll.«

Apposition

Auch die Apposition (Beifügung) wird häufig falsch gebraucht. Wird ein Substantiv durch ein anderes näher erklärt, muss diese nachgestellte Apposition im selben Fall stehen:

»Die Tagebücher dieses Forschers, des Entdeckers der Höhlen (nicht: der Entdecker), sind heute im Museum von Lima ausgestellt.«
Ebenso:» Die Verdienste des Virologen, eines Pioniers der Forschung (nicht: ein Pionier), wurden lange Zeit unterschätzt.«

Nahe liegend sind Kasusfehler vor allem, wenn Substantiv und Apposition nicht im gleichen Numerus (Einzahl oder Mehrzahl) stehen:

»Sie legen großen Wert auf überkommene Bräuche wie den Festumzug der Schützenvereine (nicht: der Festumzug).«
»Wir befassen uns in dieser Studie eingehend mit dem Forstökotop, der räumlichen Manifestation des Forstökosystems (nicht: die räumliche Manifestation).«

Nur wenn die Apposition keinen Artikel bei sich hat, bleibt sie unverändert:

»Bunte Bilder des Häuptlings, Anführer der Aufständischen, werden noch heute mit Blumen geschmückt.«

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 70

Falsch verwendeter Apostroph

Ein nur auf den ersten Blick unbedeutender Fehler ist die falsche Verwendung des Apostrophs (Auslassungszeichen) bei Genitiv- und Pluralbildungen. In Anlehnung an das Englische wird immer häufiger fälschlicherweise in deutschen Texten der Apostroph in zahlreichen Genitivbildungen und etlichen Pluralformen gesetzt. In der deutschen Sprache steht der Apostroph jedoch nur im Genitiv artikellos gebrauchter Namen, die auf s, ss, ß, tz, zoder x enden:

Marx’ Philosophie, Lutz’ Eigentum, Theodor Heuss’ Ernennung, Kamuran Kavaz’ Gedichte, Erich Koß’ Verhaftung.

Zulässig ist der Apostroph dagegen vor der Endung –sch, wenn aus einem Namen ein Adjektiv gebildet wird:

die Grimm’schen Märchen, die Einstein’sche Relativitätstheorie.

Oft begegnet man dem falsch gesetzten Apostroph auch im Plural von Abkürzungen: statt PC’s muss es richtig PCs heißen, der Plural von RAM heißt RAMs.


Heiße Luft

Nicht nur in studentischen Arbeiten erschweren unnötig komplizierte Formulierungen das Verständnis, auch in der Forschungsliteratur werden Texte durch »heiße Luft« aufgebläht:

»Dass Imperative der Bestandserhaltung wirtschaftlicher, administrativer und militärischer Systeme den Spielraum einer Praxis schrumpfen lassen, die von den Beteiligten einvernehmlich nach Maßgabe konsensfähiger Werte und Normen koordiniert wird, führt nach wie vor zu aktuellen und dringlichen Problemerfahrungen.«

Hat sich der Autor im Dschungel der eigenen Begriffe verirrt? Warum werden die Kernaussagen vernebelt statt verdeutlicht? Versuchen wir, die Aussagen auszupacken:

»Die Zwänge anonymer wirtschaftlicher, administrativer und militärischer Systeme engen den Spielraum der Menschen ein, die nach gemeinsamen Werten handeln wollen. Dies wird bis heute als dringliches Problem erfahren.«

Nehmen Sie sich solche Texte nicht zum Vorbild, auch wenn sie scheinbar »wissenschaftlich« klingen. Sobald Sie einen solchen Absatz lesen, stellen Sie sich vor, Sie stechen mit einer Nadel in den Ballon voll heißer Luft, die Luft entweicht: Was bleibt übrig?

Versuchen Sie nun, die Kernaussage in einen verständlichen Satz zu fassen. Wenn Sie selber zu aufgeblähten Texten neigen, lassen Sie regelmäßig Luft aus Ihren Textballons.

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 71


Gleichförmige Sätze

Häufig langweilt sich der Leser, weil die Sätze gleichförmig daher kommen:

»Die Lösung wurde abgekühlt. Danach wurde eine Zentrifugation durchgeführt. Daraufhin wurde der Überstand abpipettiert und der verbleibende Bodensatz wurde getrocknet.«

Diese einzelnen gleichförmigen Sätze lassen sich in einem Satz zusammenfassen:

»Die abgekühlte Lösung wurde zentrifugiert, der Überstand abpipettiert und der verbleibende Bodensatz getrocknet.«

Ähnlich monoton wirken folgende Sätze:

»Die 15 Tiefeninterviews wurden im Zeitraum zwischen Juli 2005 und September 2006 durchgeführt. Sie hatten eine durchschnittliche Dauer von zwei Stunden. Sie wurden mit Frauen im Alter zwischen 26 und 56 Jahren durchgeführt. Die Frauen wurden zunächst nach persönlichen Daten gefragt. Danach wurden sie aufgefordert, ihre frühen Leseerlebnisse ausführlich zu beschreiben.«

Auch hier beschreibt die Autorin eine Versuchsanordnung. Offensichtlich verführen solche Beschreibungen leicht zu gleichförmiger Schreibweise. Achten Sie deshalb bei der Wiedergabe von Experimenten, empirischen Untersuchungen und Vorgangsbeschreibungen besonders auf Abwechslung und Konzentration:

»Die 15 Tiefeninterviews mit Frauen zwischen 26 und 56 Jahren fanden zwischen Juli 2005 und September 2006 statt und dauerten durchschnittlich zwei Stunden. Nach der Erhebung persönlicher Daten beschrieben die Interviewpartnerinnen ausführlich ihre frühen Leseerlebnisse.«

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 74


Füllwörter, Füllsätze und Modewörter

Füllwörter blähen unsere Texte unnötig auf. Da sie in der Umgangssprache gern verwendet werden, geraten sie mehr oder weniger wie von selber in die Texte: eben, ja, wohl, natürlich, wahrscheinlich, wirklich, eigentlich, vielleicht, regelrecht, insgesamt, gewissermaßen, irgendwie, besonders, doch, ziemlich. Diese und ähnliche Wörter setzen wir oft ein, um Aussagen zu relativieren. In wissenschaftlichen Texten sollten Sie aber gerade Farbe bekennen: Können Sie Ihre Behauptungen belegen – dann können Sie auf jedes »eigentlich«, »vielleicht« und »irgendwie« verzichten; können Sie Ihre Ergebnisse nicht hinreichend stützen, rettet Sie auch ein »gewissermaßen«, »natürlich« und »wohl« nicht.

Füllsätze transportieren keine eigene Aussage, sondern bereiten lediglich eine Aussage vor: »Wir werden im Folgenden zeigen, wie sich im frühen 20. Jahrhundert die Transaktionskosten im Einzelhandel veränderten und welche Konsequenzen diese Entwicklung für die betroffenen Unternehmen hatte.«

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 64

Manchmal wird der Text auch flüssiger, wenn man Füllsätze einfach weglässt:

»Hier stellt sich nun eine entscheidende Frage.«

Dieser Satz kann ersatzlos gestrichen werden.

»Wir kommen nun zu einem wichtigen Punkt.«

Kündigen Sie nicht an, dass Sie jetzt zu einem wichtigen Punkt kommen, sondern tun Sie es! Entwickeln Sie diesen wichtigen Punkt und machen Sie Ihrem Leser deutlich, wie entscheidend dieser Aspekt für Ihre Argumentation ist.

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 64

Modewörter

Es ist vollkommen in Ordnung, wenn Sie einen philosophischen Diskurs wiedergeben, postmoderne Ansätze charakterisieren, kreative Medien vorstellen, effektive Maßnahmen ankündigen und innovative Konzepte vertreten.

Aber stellen Sie sicher, dass Sie in jedem einzelnen Fall wissen, was ein Begriff bedeutet. Verwenden Sie einen Begriff nicht nur, weil er »in« ist und »so wissenschaftlich klingt«, sondern nur, wenn Sie genau die Nuance ausdrücken wollen, die dieser Begriff transportiert.

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 72


Wiederholungen

Ein Phänomen der Umgangssprache, das es beim wissenschaftlichen Schreiben zu vermeiden gilt, ist die Verdoppelung (Pleonasmus):

Die überwiegende Mehrheit, das letzte Ultimatum, neu renoviert, eindeutig beweisen, wieder zurückgewinnen, noch einmal wiederholen, wieder zurückschicken, bereits schon, ganz offensichtlich.

Hierher gehören auch die »unfreiwilligen« Doppelungen wie »im PDF Format«: die Abkürzung »portable document format« enthält bereits den Begriff »Format«; »ABM Maßnahmen« (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Maßnahmen) oder »im OPAC Katalog«, also im »Online Public Access Catalogue«.

Abgesehen von solchen Verdoppelungen können Wiederholungen in wissenschaftlichen Texten durchaus sinnvoll sein. Ein Fachbegriff muss z.B. immer dort auftauchen, wo der bezeichnete Sachverhalt angesprochen wird. Abwechslung wäre hier fehl am Platz. Ansonsten aber sollten wir uns um eine abwechslungsreiche Wortwahl bemühen, damit unser Text den Leser nicht durch seine Monotonie langweilt.

Achten Sie bei der Suche nach Synonymen aber darauf, keine ausgefallenen Umschreibungen zu wählen, die gesucht und daher künstlich wirken: die Altvorderen sind keine willkommene Alternative zu den Vorfahren! Auch im Satzbau sind offensichtliche Wiederholungen störend. Oft genügt schon die Zusammenfassung mehrerer Aussagen in einem Satzgefüge, um Wiederholungen zu vermeiden:

»Für jeden Patienten wurden allgemeine Daten in Bezug auf das Patientengut erhoben. Außerdem wurden präoperative Befunde über den aktuellen Gesundheitszustand festgestellt. Zusätzlich wurden intraoperative Daten bezüglich der Anästhesie und deren Verlauf erfasst. Schließlich wurden alle Angaben über den postoperativen Zeitraum erfasst. Diese Daten wurden mit dem SPSS-Computer-Programm analysiert.«

Zusammengefasst könnte dieser Satz lauten:

»Für jeden Patienten wurden allgemeine Daten zum Patientengut, präoperative Befunde zum aktuellen Gesundheitszustand, intraoperative Daten zur Anästhesie und deren Verlauf sowie alle Angaben über den postoperativen Zeitraum erfasst und mit SPSS analysiert.«

Diese Variante ist kürzer und tilgt außerdem die unnötige Doppelung SPSS-Computer-Programm: in der Abkürzung SPSS ist der Begriff des Programms (package) bereits enthalten.

Helga Esselborn-Krumbiegel „Richtig wissenschaftlich schreiben“ S.68
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