Es gibt »Gelenkstellen« in wissenschaftlichen Studien, die besondere Aufmerksamkeit verdienen, weil sie die Orientierung des Lesers im Text steuern, indem sie den roten Faden sichtbar machen.
Helga Esselborn-Krumbiegel gibt in ihrem utb-Band Richtig wissenschaftlich schreiben Tipps und Formulierungshilfen für solche »Gelenkstellen«:

Dr. Helga Esselborn-Krumbiegel leitet das Schreibzentrum an der Universität Köln. Sie ist Verfasserin seit Jahren eingeführter Standardwerke zum Schreiben im Studium.

Funktion und Formulierung von Vorankündigungen

So genannte advance organizers, Vorankündigungen zur Strukturierung Ihres Textes, sollten Sie regelmäßig einsetzen, um das Verständnis Ihrer Leser zu unterstützen und den roten Faden sichtbar zu machen. Advance organizers benennen kurz den Inhalt des folgenden Textes:

»Zu Beginn der Studie werden zunächst Organisation und Struktur sowie Aufgaben und Befugnisse des Sicherheitsrats knapp beleuchtet.«

Untersuchungen haben gezeigt, dass solche Vorankündigungen dem Leser den Nachvollzug der Argumentation erleichtern.

Vorankündigungen werden aber auch eingesetzt, um Zusammenhänge zu erläutern, die zum Verständnis der Argumentation nötig sind, aber erst an späterer Stelle im Text ausführlich dargelegt werden:

»Wie in Kapitel 2 ausführlich erläutert wird, steht die Produktüberlegenheit eines Leistungsangebots in einem umgekehrt U-förmigen Zusammenhang mit dem Unternehmenserfolg.«

Außerdem beugen Vorankündigungen in studentischen Qualifizierungsarbeiten dem möglichen Einwand fehlender Erklärungen vor. Sie machen deutlich, dass Sie einen wichtigen Aspekt durchaus im Blick haben, ihn jedoch später behandeln werden:

»Auf die Ursachen Stress bedingter Leistungsminderung wird in Kapitel 4 näher eingegangen.«


Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 142

Als Formulierungen für Vorankündigungen können Sie alle Wendungen benutzen, die Sie bereits in der Einleitung für die Beschreibung Ihres Vorgehens gewählt haben. Besonders bieten sich folgende Wendungen an:

Formulierungen für Vorankündigungen

  • wie in Kapitel 2 näher erläutert wird
  • wie in Kapitel 2 ausführlich dargestellt wird
  • wie in Kapitel 2 entwickelt wird
  • wie in Kapitel 2 ausgeführt wird
  • wie in Kapitel 2 an einem Beispiel aus der Aufführungspraxis demonstriert/gezeigt wird
  • wie ich/wir in Kapitel 2 darstellen werde(n)


Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben S. 143

Funktion und Formulierung von Überleitungen

Überleitungen zwischen Kapiteln informieren als Vorankündigungen den Leser in der Regel über die Inhalte des folgenden Kapitels und verknüpfen diese Information zugleich mit dem bisherigen Wissen. Auf diese Weise verstärken sie den roten Faden der Argumentation.

So leitet eine Untersuchung über das Leseverhalten Jugendlicher am Ende eines Kapitels folgendermaßen zu einem neuen Kapitel über:

»Aktuelle empirische Daten sprechen, wie gezeigt wurde, dafür, dass Jugendliche durchaus zahlreiche und zudem sehr unterschiedliche Texte lesen, nur eben vorwiegend in anderer medialer Form. Zu fragen wäre also, welche Lektüre in welchem Medium Jugendliche heute anspricht. Um diese Frage zu beantworten, muss aber zunächst geklärt werden, welche Themen Jugendliche vor allem interessieren.«

Überleitungen können auch aus zwei Teilen bestehen: aus einem zusammenfassenden Satz am Ende des einen Kapitels und einem oder zwei ankündigenden Sätzen zu Beginn des Folgekapitels. So endet in einer Untersuchung über Post-Kolonialismus und Geschlechterdifferenz ein Kapitel mit dem Satz:

»Diese „Einfalt“ trägt dazu bei, dass die Frauen ihre Geschlechtsbestimmung entfalten können, zu der an erster Stelle die Fruchtbarkeit bzw. die Mütterlichkeit gehört.«

Das Folgekapitel beginnt mit den Sätzen:

»Mütterlich verhalten sich in den Augen Georg Forsters nicht nur jene Tahitianerinnen, die ihren Teil zum Bevölkerungswachstum beitragen, sondern auch solche, die den umherziehenden Naturforscher bewirten. Der anthropologische Wert solchen Verhaltens für Forster geht aus seinen Kommentaren zu den beobachteten Geschlechterrollen hervor.«

Sie können aber auch ein neues Kapitel mit einer Überleitung eröffnen, indem Sie z.B. darauf hinweisen, dass die Argumentation des vorhergehenden Kapitels im Folgenden fortgeführt wird. So heißt es in der zitierten Studie zu postkolonialer Literatur:

»Ein weiteres Beispiel für eine interkulturelle Begegnung, die auf eine historische Tiefendimension, jetzt aber der eigenen Kultur, führt, liefert die Beschreibung einer Hochzeitszeremonie.«

Funktion und Formulierung von Rückverweisen

Rückverweise setzt man ein, um bereits Bekanntes zu aktivieren und damit den Wiedererkennungseffekt beim Leser zu stärken. Auf diese Weise kann der Leser dem Argumentationsgang besser folgen:

»Die eingangs aufgezeigte Bedeutung des geringen Involvements der Konsumenten erfordert eine Auseinandersetzung mit den Implikationen der Kundenbindung. Es soll untersucht werden, in welchem Ausmaß Kundenbindung unter der so genannten Low-Involvement-Bedingung möglich ist.«

Rückverweise werden auch dann wichtig, wenn zuvor präsentierte Ergebnisse später in einem eigenen Kapitel diskutiert werden. Da in den Naturwissenschaften konsequent, bis auf Ausnahmen in wissenschaftlichen Aufsätzen, die Präsentation der Ergebnisse von ihrer Diskussion getrennt wird, bietet sich hier der Rückverweis besonders an. Er garantiert, dass der Leser stets darüber informiert ist, welche Ergebnisse gerade erörtert werden. Dies ist vor allem bei Ergebnissen wichtig, die viele Detailinformationen enthalten, die der Leser nicht über längere Zeit präsent halten kann:

»Unsere Ergebnisse zeigen signifikante Korrelationen von UTV-Werten (Ultraschalltransmissionsgeschwindigkeit) und Körpergewicht sowie Body-Mass-Index an Patella und Calcaneus. Die Assoziation zeigt jedoch eine umgekehrte Abhängigkeit. Mit höherem Gewicht nimmt die Ultraschalltransmissionsgeschwindigkeit ab. Die r-Werte liegen zwischen -0.22 und -0.32.«


Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 144

Rückverweise lassen sich auch einfügen, damit der interessierte Leser bereits Dargestelltes rekapitulieren kann, wenn er sein Verständnis überprüfen möchte:

»Wie in Kapitel 4 erläutert lässt sich Christoph Ransmayrs Roman „Die letzte Welt“ als Zitatenmosaik interpretieren.«

Sowohl Vorankündigungen als auch Rückverweise strukturieren den Text und stärken somit die Orientierung des Lesers. Allerdings sollte man den Einsatz dieser Mittel nicht übertreiben, sondern sie gezielt dort einsetzen, wo Klärungsbedarf besteht.

Um Ihre Texte leserfreundlich zu gestalten, sollten Sie darüber hinaus wiederholt gliedernde Signale einfügen: sprechende Überschriften und Zwischentitel, Hervorhebungen durch Fett- oder Kursivdruck sowie Aufzählungen als Übersichten.

Achten Sie auch auf eine klare Unterteilung in Absätze: Sobald Sie mit einem neuen Gedanken beginnen, setzen Sie einen Absatz. Auf diese Weise leiten Sie Ihren Leser sicher durch den Textfluss.

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 145

Allerdings ist die Zusammenfassung nicht mit dem Abstract zu verwechseln: Im Abstract erfahren wir sowohl die Fragestellung als auch Methode und Ergebnisse, in der Zusammenfassung geht es dagegen lediglich um die Ergebnisse ohne weitere Erläuterungen, wie der Autor/die Autorin zu diesen Ergebnissen gekommen ist. Längere Studien oder Aufsätze, die dem Text ein Abstract voraus schicken, können deshalb auf eine Zusammenfassung verzichten, wenn das Abstract die Ergebnisse bereits benannt hat. In manchen wissenschaftlichen Zeitschriften wird das Abstract als „Zusammenfassung“ bezeichnet. Diese „Zusammenfassung“ steht dann wie jedes Abstract am Anfang des Textes. Kurze Aufsätze verzichten ebenfalls oft auf eine Zusammenfassung, weil davon ausgegangen werden kann, dass die Ergebnisse dem Leser am Ende des Textes noch präsent sind.

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 146

Funktion und Formulierung von Zusammenfassungen

Zusammenfassungen finden sich als Rekapitulation der wichtigsten Ergebnisse am Ende einzelner Kapitel und/oder am Ende einer Studie. Wenn jedes Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung schließt, sollte diese nur wenige Sätze umfassen und unter der Frage „Was soll mein Leser aus diesem Kapitel behalten?“ die wichtigsten Informationen/Ergebnisse bündeln. So schließt ein Kapitel zu Redeerinnerungen im Traum mit folgenden Sätzen:

»Wo in einem Traum Reden vorkommen, die ausdrücklich als solche von Gedanken unterschieden werden, stammt die Traumrede ausnahmslos von erinnerter Rede im Traummaterial ab. Häufig ist die Traumrede aus verschiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt. Der Wortlaut ist dabei gleich geblieben, der Inhalt womöglich verändert. Nicht selten dient die Traumrede als bloße Anspielung auf das Ereignis, bei dem die erinnerte Rede geführt wurde.«

Die Zusammenfassung am Ende einer Studie wird nicht von allen Autoren wissenschaftlicher Texte gleichermaßen befürwortet: Man argumentiert, dass es sich lediglich um Wiederholungen handele, und übersieht dabei, dass Wiederholungen das Verständnis unterstützen und die Erinnerung stärken.

Aber nicht nur als Rückblick sind Zusammenfassungen nützlich, sondern auch zur Vorinformation des Lesers: Ein geübter Leser wird nämlich zunächst die Einleitung einer Studie und anschließend die Zusammenfassung lesen, um sicher zu gehen, dass die Ergebnisse für ihn relevant und neu sind. Erst dann wird er sich dafür entscheiden, die gesamte Studie zu lesen. Aus diesem Grund sollte die Zusammenfassung in keiner längeren Arbeit fehlen.

Die Zusammenfassung und der anschließende Ausblick sind in der Regel Gegenstand eines eigenen Kapitels mit der Überschrift »Fazit«, »Schluss«, »Schlussbetrachtung« oder »Resümee«. Informativer, wenn auch nicht unverzichtbar, ist sicherlich eine Überschrift, die inhaltlich die abschließende Thematik umreißt. So überschreibt eine Studie über Armut in hochindustrialisierten Ländern ihr Schlusskapitel mit »Armut im Reichtum –Armut durch Reichtum?«

Um im Fazit darauf hinzuweisen, dass der folgende Text die Ergebnisse zusammenfasst, bieten sich folgende Formulierungen an:

Formulierungen für die Zusammenfassung

  • in unserem Beitrag haben wir (habe ich) gezeigt
  • diese Studie hat gezeigt
  • zusammenfassend lässt sich feststellen/sagen
  • die Ergebnisse dieser Untersuchung lassen sich wie folgt zusammenfassen
  • die Analyse hat ergeben
  • die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen
  • abschließend ist festzuhalten

Darüber hinaus lassen sich alle Wendungen, die zur Formulierung der Ergebnisse, für Vorankündigung und Rückblick vorgeschlagen wurden, entsprechend anpassen. Eine Studie über die Kosten unerwünschter Werbemails (Spam) fasst ihre Ergebnisse folgendermaßen zusammen:

»Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass die Kosten auf Seiten des Providers im Vergleich zu den Kosten durch Arbeitszeitverluste auf Mitarbeiterebene zu vernachlässigen sind. So stehen den Kosten des Rechenzentrums in Höhe von knapp 15.000€ Kosten auf Mitarbeiterebene gegenüber, die um ein Vielfaches höher sind. Unter der Annahme, dass die Kosten repräsentativ für die Universität erhoben wurden, ist von Gesamtkosten aufgrund von Arbeitszeitverlusten von ca. 2,2 Mio. Euro pro Jahr auszugehen (Basis 5.000 Mitarbeiter).«

Die Zusammenfassung kann auch ohne einleitende Formulierungen auskommen. Der Text ist dann, wie in wissenschaftlichen Aufsätzen häufig anzutreffen, lediglich durch die Kennzeichnung »Fazit« als Schlussteil erkennbar:

»Fazit: Die Unterscheidung konflikt- und strukturbedingter Störungen und Störungsanteile hat erhebliche Konsequenzen für die psychotherapeutische Arbeit, insbesondere mit Borderline-Patienten. Eine einseitig konfliktorientierte Haltung läuft Gefahr, den Patienten zu überfordern. Mit Blick auf die strukturellen Probleme der Patienten ist es wichtig, auf die Handlungsebene des therapeutischen Geschehens zu achten, in der Begleitung und Begrenzung des Patienten eine beelternde Funktion zu übernehmen, eine gute Balance von therapeutischen Anforderungen und Hilfestellungen zu finden und immer wieder zu prüfen, was der Patient „nicht kann“ und was er andererseits „nicht will“.«

Helga Esselborn-Krumbiegel: Richtig wissenschaftlich schreiben. S. 148

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